«Nie gab es in der Spielepublizistik eine schönere Satire auf die oft kleinkarierte Ernsthaftigkeit des spielerischen Bemühens als dieses Buch.» Foto Pia Neuenschwander

Die 7. Seite des Würfels

Mit einem Schelmenstück sondergleichen narrten 1990 ein paar Spieleautoren mit Hilfe eines Verleger-Originals die gesamte deutsche Spieleszene.
Unter dem Titel «Die 7. Seite des Würfels» präsentierten sie neben einigen wahren Geschichten viel Unsinniges zum Thema «Der Würfel regiert die Welt». Sie taten dies so geschickt und ernsthaft, dass es einige Zeit dauerte, bis der Ballon platzte.

«Es war wirklich eine grosse Gaudi», erinnert sich heute noch Dirk Hanneforth an die Entstehungsgeschichte der «7. Seite des Würfels», die er zusammen mit Hajo Bücken und Matthias Wittig aktiv mitgestaltet hatte. Die Sache hätte etwas «Verschwörerisches» an sich gehabt, Anonymität über die Autorenschaft war Teil des Spiels.
Mit im Boot war noch der mit Bücken befreundete Jürgen Frey, der bei der Buchpräsentation und in der medialen Nachbearbeitung seinen Kopf hinhalten konnte, weil er in der Spieleszene völlig unbekannt war.

Ausgangspunkt war 1987 die Präsentation des Spielebuchs «Rhythmomachia» gewesen. Die Gäste an der Vernissage in der Nürnberger Hugendubel-Filiale waren begeistert, was Hanneforth, Bücken und Wittig in die Nase stoch. Denn für sie war «Rhythmomachia» eine «total abgedrehte Sache», vom Inhalt her zudem völlig unverständlich.
Noch in der langen Nacht nach der Vernissage fanden sie die Antwort auf den Bluff – ein Buch mit Geschichten und Lügen zum Motto «Der Würfel regiert die Welt». Hanneforth: «Wir wollten genau so ernsthaft wie der Autor von ‹Rhythmomachia› unseren Unsinn erzählen und auf diese Weise die gesamte Szene hochnehmen.» Eingeschlossen den Verleger des Buchs, Thomas Kniffler.
Der Chef des Hugendubel-Verlags war spontan bereit, bei diesem Jux mitzumachen. Ohne diese Zusage hätte das Projekt nie realisiert werden können.

Im Februar 1990 stellte Hugendubel das richtungsweisende Werk «Die 7. Seite des Würfels» an einem Verlagsabend im Rahmen der Nürnberger Spielwarenmesse vor. Jürgen Frey alias Jürgen D. Buchenmatth gab allerlei Gescheites über seine Recherchen von sich, das Publikum – alles, was in der Spieleszene Rang und Namen hatte – war wiederum begeistert.
Niemand schöpfte Verdacht. Autor und Verleger gaben Interviews, und in den Medien erschienen zahlreiche Rezensionen, welche das tiefgründige Werk lobten.

Im Sommer 1990 platzte der Ballon. Nachdem in der Szene entsprechende Gerüchte aufgekommen waren, lüftete Verleger Thomas Kniffler das Geheimnis. Den Verantwortlichen der Spielezeitschrift «Pöppel-Revue» fiel ein Stein vom Herzen. Eine begeisterte Rezension lag schon parat, musste dann aber auf eine spätere Ausgabe verschoben werden.
Nach Knifflers Coming-out beichten sie: «Gott sei Dank haben wir dieses Buch nicht früher besprochen. Denn wir hätten uns bis auf die Knochen blamiert.» Völlig befreit kommen sie jetzt zum Schluss: «Nie gab es in der Spielepublizistik eine schönere Satire auf die oft kleinkarierte Ernsthaftigkeit des spielerischen Bemühens als dieses Buch.» Dem ist nichts beizufügen.

Synes Ernst


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8. November 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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