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Die Debatte um sexuelle Ausbeutung in der Kirche

Die neuerlichen Berichte über sexuelle Ausbeutung in der katholischen Kirche auf der ganzen Welt lösen vielfältige Reaktionen aus. Kommentatoren, Bischöfe, Experten warten mit Analysen und Massnahmen auf. Es ist erstaunlich, dass sich auch in der Aufarbeitung der Verbrechen fast ausschliesslich Männer zu Wort melden.

Der Philosoph Slavoj Zizek etwa erkennt Parallelen zwischen den verschiedenen Männerbünden – Armee, Studentenverbindungen, katholische Kirche. Grausame Rituale seien identitätsstiftende Teile des Systems und also schwierig auszumerzen. Jene, die nicht mitmachten, würden dennoch die Täter beschützen, weil sie Teil der Gruppe, gleichsam der Ersatzfamilie seien. «Die obszöne Schattenseite, das unterbewusste Terrain der schmutzigen Gewohnheiten, das sind Dinge, die wahrhaftig schwer zu eliminieren sind», schreibt der polnische Philosoph.

Hier setzt Pater Klaus Mertes an. Der Jesuit hat durch die schonungslose Aufarbeitung sexueller Verbrechen in der Kirche im Jahr 2010 in Deutschland Erfahrung auf dem Gebiet. Wahrheit befreie, schreibt er, gerade dann, «wenn sie weh tut». Das Gerede von den «homosexuellen Netzwerken», das einige Bischöfe im Mund führen, hält er für diffamierend. Man suche einen Sündenbock, um die notwendige Strukturdebatte zu vermeiden. Eine solche aber hätte die Kirche mit Blick auf sich selbst dringend nötig. Er selber spreche darum stattdessen von «männerbündischen Netzwerken».

Auch in der Schweiz sorgte dieses Thema für Kontroversen. Der Churer Weihbischof Marian Eleganti machte nämlich genau das, er brachte die Thematik der Übergriffe mit Homosexualität in Verbindung. Umgehend distanzierten sich die Verantwortlichen der Bistümer Basel und St. Gallen in einer gemeinsamen Erklärung auf Facebook: «Eine solche Aussage ist das Gegenteil von seriösen Anstrengungen, künftig sexuelle Übergriffe zu verhindern und die geschehenen schlimmen Taten an Opfern aufzuarbeiten. Und ganz besonders verletzt es homosexuelle Menschen in ihrer Würde, das ist nicht akzeptabel.»

Genau solche Diskussionen hält Pater Klaus Mertes für heilsam. Würden sich die verschiedenen Lager innerhalb der Hierarchie streiten, sei das ein Hinweis, dass die Aufklärung vorankomme. Man solle beginnen, auf andere hinzuhören als nur auf seinesgleichen.

Derweil wollen die Schweizer Bischöfe ihre Richtlinien zu sexueller Ausbeutung verschärfen. Die genauen Massnahmen sind bei der Niederschrift (Dienstag) dieser Zeilen noch nicht bekannt.

In den USA jedenfalls ist der Druck der Öffentlichkeit auf die Kirchenleitungen immens. Mehrere Bischöfe regten an, eine Sondersynode zum Thema einzuberufen. Sie sprechen von einer Krise durch Missbrauch, Vertuschung und Glaubwürdigkeitsverlust. Ein weltweites Bischofstreffen in Rom müsse sich neben Themen wie Kinderschutz und dem Umgang mit Opfern auch Problemen wie Machtmissbrauch und Klerikalismus, Haftung und Transparenz in der Kirche stellen. An den Beratungen seien vor allem auch Laien zu beteiligen, schreiben sie weiter.

Schliesslich ist das Schreiben des Papstes selbst zu erwähnen. Darin stellt sich der Papst uneingeschränkt auf die Seite der Opfer, er kritisiert Klerikalismus in jeder Form, fordert eine kirchliche und soziale Umgestaltung und eine strikte Null-Toleranz-Haltung. Zum Schluss fordert Papst Franziskus mehr weibliche Präsenz in der Kirche. Maria nämlich, so der Papst, sei die erste Jüngerin gewesen, sie lehre uns alle, «wie wir uns angesichts des Leidens des Unschuldigen zu verhalten haben, ohne Ausflüchte und Verzagtheit». Auf Maria zu schauen heisse, auf der Seite der Opfer zu stehen. Allerdings ruft Klaus Mertes in Erinnerung, dass die Erneuerung der Kirche nicht von einer Lichtgestalt an der Spitze abhängen könne, das sei eine narzisstische Selbsttäuschung der katholischen Christenheit.

Andreas Krummenacher

 

Im Artikel erwähnte Texte

Slavoj Žižek: Die katholische Kirche braucht den Missbrauch. Gefunden auf Welt+, 1. September. Der Artikel ist online leider nur gegen Gebühr abrufbar.

Pater Klaus Mertes über die kirchliche Aufarbeitung: Fünf Bemerkungen zum Missbrauchsskandal. Gefunden auf der Seite der römisch-katholischen Kirche Deutschlands, 29. August.

kath.ch: Bischöfe rufen zu Sondersynode wegen Missbrauchsskandal auf. 2. September

Facebook-Eintrag zu den Aussagen des Churer Weihbischofs Marian Eleganti auf der Seite des Bistums St. Gallen, 28. August

«Es geht nicht um Homosexualität». Der Kanzler des Bistums St. Gallen nimmt Stellung zu fragwürdigen Aussagen des Papstes und des Churer Weihbischofs. Gefunden auf «Der Bund Online», 2. September

Andreas Krummenacher zum Papstschreiben: «Der Schrei der Opfer ist stärker». 21. August

Nicht schon wieder! Einordnung von Hans H. Weber, 5. September

5. September 2018
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 37-38
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