Philippinische Vermittlerin und Friedensstifterin Miriam Coronel Ferrer. Foto: zVg

Die Frauen wollen nicht zurück in den Krieg

Die Regierung der katholisch dominierten Philippinen und die «Islamische Befreiungsfront der Moros» (MILF) handelten 2014 einen Friedensvertrag aus. Die Politologieprofessorin Miriam Coronel Ferrer war Chefunterhändlerin auf Regierungsseite. Das Abkommen umfasste auch zahlreiche Zugeständnisse an die politischen, sozialen und ökonomischen Rechte der Frauen. Im Interview berichtet sie über die Arbeit hinter den Kulissen.

«pfarrblatt»: Im Konflikt auf der Insel Mindanao bestehen unterschiedliche Gräben zwischen ethnischen und religiösen Gruppen sowie zwischen der Regierung und Rebellen. Wie konnten Sie gesellschaftlich und politisch die Beteiligten zur Unterzeichnung eines Friedensvertrags bewegen?

Miriam Coronel Ferrer: Gesellschaftlich arbeitete ich eng mit Frauenorganisationen zusammen. Sie organisierten zahlreiche Aktivitäten, an denen auch muslimische Frauen und Führungspersönlichkeiten beteiligt waren. Gemeinsam verschafften sie sich eine starke Stimme, um auf die Verhandlungen Einfluss zu nehmen. Sie luden mich als Chefunterhändlerin Chefunterhändlerin oft ein, um mich über ihre Situation zu informieren und ihre frauenspezifischen Anliegen für die Verhandlungen vorzutragen. Für mich spielte dieser Rückhalt bei ihnen eine starke Rolle bei den Verhandlungen.

Am Verhandlungstisch fiel es wohl einigen der muslimischen Teilnehmer schwer, eine Frau als Vorsitzende zu akzeptieren.

Es gelang mir, eine Vertrauensbasis zu schaffen. Sie erkannten, dass ich ihren Hintergrund, ihre empfundene historische Ungerechtigkeit und ihre Anliegen gut verstanden hatte. So konnte ich mich beweisen als ebenbürtige Verhandlungspartnerin. Nach einiger Zeit holten sie auch auf ihrer Seite Frauen an den Verhandlungstisch.

Doch nun ist der bewaffnete Konflikt zu Ende?

Mit der Rebellengruppe «Islamische Befreiungsfront der Moros» haben wir einen Waffenstillstand ausgehandelt. Dieser hat bisher gehalten. Die Umsetzung des Friedensvertrags ist aber noch nicht vollzogen. In einer ersten Runde hat das Parlament den Vorschlag abgelehnt. Die Stabilität des Friedens misst sich am Wunsch der beiden Seiten, nicht mehr zum bewaffneten Konflikt zurückzukehren. Andere Gruppierungen bekämpfen jedoch die Regierungstruppen weiterhin.

Haben die sozialen Veränderungen, gerade bei und mit den Frauen, zur Stabilisierung beigetragen?

Auf jeden Fall. Viele Frauen fordern: Kehrt nicht zurück in den Krieg. Aber diese Verzögerungen spielen den Extremisten in die Hände, die sagen: «Schaut, ihr könnt dieser Regierung nicht vertrauen. Sie wird den Vertrag nie unterzeichnen. Wir glauben ihr nicht.»

Sie sind auch international an ähnlichen Projekten der Friedensfindung beteiligt. Lässt sich die Strategie auf den Philippinen einfach so übertragen auf Konflikte in anderen Erdteilen?

Ein wesentlicher Punkt ist, das Gespräch ohne offensiven Ton zu führen, keine Konfrontation zu bilden und keinen Druck auszuüben, wie dies Männer oft tun. Gegenüber einem anderen Mann würden die Beteiligten wahrscheinlich explodieren. Der Stolz kann unter Männern so rasch verletzt sein. Mir scheint, sie hatten den Eindruck, diese Frau sage wirklich etwas Wichtiges. Ein eigentliches Schema gibt es jedoch nicht, in jedem Land benötigen wir eine andere Vorgehensweise.

Wie geht es nun weiter mit dem Friedensprozess?

Die Philippinen haben seit 2016 einen neuen Präsidenten. Je länger wir mit der Umsetzung warten, desto mehr fördern wir eine Radikalisierung, da sich keine Veränderung abzeichnet. Die Differenzen nehmen zu: Die einen wollen keinen bewaffneten Krieg mehr, andere radikalisieren sich. Wir müssen jene unterstützen, die den Weg zum Frieden wählen.

Hannah Einhaus

 

Hintergrund
Miriam Coronel Ferrer leitete die philippinische Regierungsdelegation bei den Verhandlungen mit der Islamischen Befreiungsfront der Moros (MILF). Am 27. März 2014 kam das Friedensabkommen zur Schaffung der politisch selbstständigen Region Bangsamoro auf der Insel Mindanao im Süden der Philippinen zustande. Ferrer war damit die erste Frau weltweit, die ein grösseres Friedensabkommen vorbereitete. Sie gehört zu den «1000 PeaceWomen across the Globe», deren Organisation den Sitz in Bern hat und die 2005 für den Friedensnobelpreis nominiert war.
Mit dem Abkommen sei der «schwierigste und bedeutendste Schritt» für den Frieden getan, hiess es damals. Das Parlament lehnte die Vorlage jedoch ab. Seit der Wahl von Präsident Rodrigo Duterte 2016 ist eine Umsetzung weit in die Ferne gerückt. Im Gegenteil: Ende Mai 2017 verhängte er das Kriegsrecht über Mindanao. Auf den Philippinen sind über 80 Proezent der Menschen Katholiken, rund zehn Prozent sind Muslime, die ihrerseits in Bangsamoro die Mehrheit bilden.

6. Dezember 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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