Fotos: Martin Bichsel

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Die meisten von ihnen kommen voller Glauben und Vertrauen

Er habe zu Bischof Felix gesagt: «Diese Leute sind ein Geschenk für dich, für mich sind sie ein Verlust.» Der eritreische Erzbischof Menghesteab Tesfamariam meint seine katholischen Landsleute, die sich an diesem Samstagnachmittag, 9. September, in der Pfarrei Dreifaltigkeit in Bern versammelt haben. «All diese Leute waren aktive Mitglieder in Pfarreien in Eritrea. Sie verlassen meine Diözese, aber sie kommen nach Europa – und wie ich von den Bischöfen hier gehört habe, bringen sie neues Leben in die Pfarreien.»

Ein paar Stunden zuvor: Nach dreiviertelstündiger Verspätung – der Erzbischof befand sich noch an einer wichtigen Sitzung mit Schweizer Kirchenvertretern – beginnt die Messe mit einer Taufzeremonie. Drei Säuglinge werden von ihren festlich gekleideten Müttern zur Pforte der Kirche getragen. Es bildet sich eine Traube um den Priester Abba Mussie Zerai und die Frauen. Handys werden gezückt, der Begeisterung mit Jubelrufen Ausdruck verliehen. Dann folgt der feierliche Einzug des Erzbischofs Menghesteab Tesfamariam, begleitet von zwei eritreischen Priestern. Rund 350 Eritreerinnen und Eritreer sind aus der ganzen Schweiz angereist, um mit ihrem Metropoliten die Eucharistiefeier zum eritreischen Neujahrsfest zu feiern.

Die letzte Reise des Erzbischofs nach Europa liegt drei Jahre zurück. Innerhalb von zwei Wochen besucht er in diesem Jahr verschiedene Länder und Bistümer, in denen katholische Eritreer in den letzten Jahren Zuflucht gefunden haben. Er sei beeindruckt von der Anzahl geflüchteter Landsleute, aber auch von ihrem tiefen Glauben und wie sie sich als Gemeinschaft organisieren. Aktuell leben rund 36 000 Eritreerinnen und Eritreer in der Schweiz. 40 Prozent befinden sich noch im Asylverfahren oder wurden nur vorläufig aufgenommen. Die Schweizer Asylpraxis zu Eritrea ist umstritten. Seit einem Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts anfangs 2017 steht fest, dass die illegale Ausreise aus Eritrea alleine keinen Asylgrund darstellt. Jede asylsuchende Person aus Eritrea muss glaubhaft darlegen können, dass sie Schutz benötigt, will heissen, dass ihr im Falle einer Rückkehr die Einziehung in den Nationaldienst, Zwangsarbeit, Folter oder unmenschliche Behandlung droht.

Können die Betroffenen dies nicht, werden sie in die Nothilfe oder gar in die Illegalität gedrängt – denn es fehlt an einem Rückübernahmeabkommen mit Eritrea. Und aus Angst um ihre Sicherheit ist eine freiwillige Rückreise nur für einzelne eine Option. Viele kirchliche Stellen setzen sich deshalb für die Rechte und Anliegen eritreischer Asylsuchender in der Schweiz ein. So kritisiert der Synodalrat der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn insbesondere die Praxis der systematischen Abschiebung in die Strukturen der Nothilfe. Diese seien unmenschlich und für die Betroffenen über einen längeren Zeitraum unzumutbar.

Erzbischof Menghesteab Tesfamariam kennt die Sorgen und Ängste seiner Landsleute. Neben der Anerkennung des Asylgesuches spricht er aber auch von anderen Herausforderungen wie dem Erlernen der Ortssprache, dem Finden einer Arbeitsstelle und der Konfrontation mit der von Materialismus und Konsum geprägten Mentalität in der Schweiz. Nicht zu vergessen das Bedürfnis, die Angehörigen im Heimatland und auf der Flucht finanziell zu unterstützen. All diese Sorgen lasten schwer auf den Schultern seiner Landsleute. «Dieser Druck kann sie in Alkohol, Drogen, schlechte Angewohnheiten stürzen – wenn sie keine soziale und spirituelle Unterstützung erhalten.»

Der Erzbischof zählt deshalb auch auf Verantwortliche der Katholischen Kirche. Es seien Seelsorger nötig, welche die Situation der Betroffenen nachvollziehen können und sich selbst gut in der Gesellschaft in Europa zurechtfinden. Diese könnten dann die Brücke zu den Schweizer Pfarreien schlagen und sie mit den örtlichen Seelsorgern in Kontakt bringen. «Ich hoffe, die katholischen Eritreerinnen und Eritreer sind willkommen, bei den Leuten und bei den Verantwortlichen der Kirche. (…) Ich habe sie gebeten, ihnen zu helfen, denn die meisten von ihnen kamen voller Glaube und Vertrauen.»

Eveline Sagna-Dürr
Fachmitarbeiterin Migration, FASA

Fachstelle Sozialarbeit FASA

4. Oktober 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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