Ernsthaft solidarisch leben Foto: estherm / photocas.de

Dringende Warnung

Sonntag ist der grosse Tag: Ihr Kind geht zur Erstkommunion. Aber haben Sie sich das auch gut überlegt? Ich meine, dieses Ritual ist ja keine harmlose Angelegenheit. Oder dachten Sie etwa, es handele sich bloss um ein schönes Familienfest? Ein paar hübsche Fotos für Facebook, ein gutes Essen und das war’s? Ihren Glauben möchte ich haben!

Noch ist es nicht zu spät für ein paar warnende Hinweise. Die Erstkommunion ist nämlich in Wirklichkeit ein zutiefst subversiver Akt, der die Sicht Ihres Kindes auf die Welt und sein Bestehen in derselben erheblich gefährden kann.
Das zeigt sich bereits beim Einzug in die Kirche: Alle Kinder tragen die gleichen weissen Gewänder. Auf einmal sind die mühsam eingeübten Codes sozialer Unterschiede aussen vor und nur noch das Gesicht zeigt die Einzigartigkeit Ihres Lieblings. Die Gefahr: Er könnte materielle Werte geringschätzen. Wozu dann noch Geschenke?

Nachdem alle Anwesenden Platz genommen haben, folgt der Wortgottesdienst. Das Wort Gottes und die Predigt richten sich genauso an ihren Nachwuchs wie an Sie. Erfassen Sie die Implikation? Ihr Kind lernt eine kritische Instanz kennen, die noch über Staat, Kirche und Markt steht – und ja, auch über Ihnen. Es könnte folglich ein schwieriges Verhältnis zu Autoritäten entwickeln.

Zum Vaterunser versammeln sich dann alle Erstkommunikanten vorne um den Altar: die Klugen und die weniger Klugen, die Fleissigen und die Faulen, die Braven und die Verhaltensauffälligen. Der Skandal: Alle Kinder erhalten gleich viel Brot – auch unabhängig davon, wie oft sie im Religionsunterricht waren! Eine solche Gleichmacherei könnte den Glauben Ihres Kindes an das Leistungsprinzip und sein Verständnis für die natürliche Selektion im Bildungssystem erschüttern.

Da jedes Kind seine eigene kleine Hostie erhält, tritt der Aspekt des Miteinander-Teilens bei der Kommunion nicht sehr hervor. Ein kluger Nachkomme aber könnte später trotzdem ernsthaft solidarisch leben wollen und entsprechend radikale politische Positionen entwickeln. Bedenken Sie die Folgen für Ihre Familie und unser Land!

Schliesslich und endlich ist die Erstkommunion ein sakraler Akt. Das Heilige aber, das Ihr Kind empfängt und in sich trägt, wird Achtung, ja Ehrfurcht verlangen. Ist Ihnen klar, was es bedeutet, sich quasi einen Tabernakel nach Hause zu holen? Wenn Sie Ihr Kind am Sonntag trotz alledem zur Erstkommunion gehen lassen, so bleibt mir nur, Ihnen Gottes Segen zu wünschen. Ich habe Sie jedenfalls gewarnt.


Was es mit dem Weissen Sonntag in Theorie und Liturgie auf sich hat, erfahren Sie im Artikel des liturgischen Instituts


«Wir nehmen uns die Zeit» im Überblick

 

 

 

Jonathan Gardy 27, wuchs im Ruhrgebiet auf. Im aki Bern kam zur Frankophonie eine manifeste Helvetophilie. Seit 2017 lernt und wirkt der Theologe in der Pfarrei Guthirt bei Bern.

4. April 2018
erstellt von «pfarrblatt»
  • Pfarrblatt / Angelus
  • Spirituelles
  • Bildung