Pater Arcangelo Maira, Seelsorger im Flüchtlingszentrum des ehemaligen Zieglerspitals in Bern. Der gebürtige Portugiese arbeitet bei der portugiesischsprachigen Mission in Bern, Berner Oberland und Solothurn. Foto: Christina Burghagen

Durchatmen im Zieglerspital

Anfang Mai wurde im Berner Zieglerspital ein Eingangs- und Verfahrenszentrum für Asylsuchende (EVZ) eröffnet. Pater Arcangelo Maira teilt sich im Auftrag von Katholisch-Bern mit zwei weiteren Seelsorgenden eine Stelle, um den heimatlosen Menschen beizustehen. Eine Begegnung.


Es ist still auf dem Areal des Zieglerspitals. Kaum etwas erinnert daran, dass im Krankenhaus rund 150 Jahre lang gelitten, geheilt und genesen wurde. Doch aus einem offenen Fenster des Bettenhauses klingen Kinderlachen und lebhafte Gespräche. Rund 150 Menschen aus Westafrika, Eritrea, Iran, Irak, Afghanistan und Pakistan wohnen im vierten Stock des neuen Eingangs- und Verfahrenszentrums für Asylsuchende (EVZ). Die Zusammensetzung ändert sich laufend. «Ein ehemaliges Krankenhaus ist ideal für diese Nutzung», freut sich Pater Maira. An Raumaufteilung, sanitären Anlagen und elektrischen Anschlüssen musste man nichts verändern.
Der Seelsorger, der im September seinen Dienst zusammen mit den reformierten Kollegen Beatrice Teuscher und Philipp Koenig antrat, zeigt sich begeistert von den schnellen baulichen Anpassungen. Wortgewandt begrüsst Pater Maira auf Italienisch die Wirtin im nahen Ristorante und bestellt einen Cappuccino.

Zuletzt sei er Seelsorger im süditalienischen Foggia in der Nähe von Bari gewesen, erzählt der Weitgereiste, der fünf Sprachen beherrscht. Der Ort bot Platz für 600 Menschen. «Doch dort leben mehr als 1500 Männer, Frauen, Kinder», erzählt Pater Maira aufgebracht. Nun wird der Platz «New Mogadishu» oder «Ghetto» genannt. Die Flüchtlinge kommen übers Meer und stranden erst in Lampedusa, bis sie nach Foggia gelangen. Das Gelände ist ein alter Flugplatz, die Menschen, die auf ihre Aufenthaltsbewilligung warten, wohnen in den ehemaligen Betriebsgebäuden.
Dazu ziehen Sans-papiers auf die drei Kilometer lange Landebahn und hausen unter unmöglichen Bedingungen in Zelten. In dieser Gegend braucht man viele Erntehelfer – für Tomaten, für Oliven, für Zitrusfrüchte. «Die Ausnutzung der Migranten ist von der Politik gewollt!» Pater Maira nennt es modernes Sklaventum.
Der Seelsorger schüttelt den Kopf und fragt: «Warum lernt Europa nicht von Afrika?» Er er zählt von Südafrika, wo es keine Aufnahmelager gäbe. Die Flüchtlinge bekämen Essen und Kleidung und die Auflage, innerhalb von 14 Tagen einen Asylantrag zu stellen – oder weiterzureisen. Wer unter Lebensgefahr sein Land verlässt, möchte dort leben, wo Familie oder Freunde bereits sind und wo man seine Sprache spricht. «Was soll ein Mensch in einem englisch- oder deutschsprachigen Land, wenn er mit Französisch aufgewachsen ist? Natürlich möchte der nach Frankreich!»

Über seine Zeit in Mozambique in einem Lager mit rund 6000 Menschen kommt Pater Maira fast ins Schwärmen: «Die Menschen dort werden kaum verwaltet. Sie nehmen ihr Leben selbst in die Hand, bauen Bambushütten und halten Gottesdienste ab. Die Flüchtlinge hier in der Schweiz träumten von Europa, ich träume von Afrika.» Im zweiten Stock des Bettenhauses im Zieglerspital befinden sich die Verwaltung des EVZ und die Internationale Organisation für Migration, die freiwillige Rückkehrer berät und Starthilfen für zu Hause aufzeigt. Afrika brauche Berufsschulen! Wir müssen begreifen, dass Afrika eine mündliche Kultur besitze, erklärt Pater Maira.
Frontalunterricht und Theorie würden nicht funktionieren, Afrikaner lernen eher praktisch. Und die Gemeinschaft sei wichtiger als in Europa, das würde hier leider oft vergessen. Jeweils montags sässen die Seelsorger und die Mitarbeiter der für den Betrieb zuständigen Firma ORS und der Securitas zusammen, um zu besprechen, welche Gäste Hilfe bräuchten oder Probleme bereiten. Die Asylsuchenden im Zieglerspital seien nach ihrer mörderischen Flucht zunächst sehr still, schildert Pater Maira. Er erkenne schnell, ob jemand neu sei. Dann setze er sich neben die Person und fange an zu plaudern, ohne sich als Seelsorger vorzustellen. Erst wenn die Frage käme: «Von wo bist du geflohen?», erzähle er, wer er sei.

Viele bräuchten einfach Zeit und Ruhe, um sich ein bisschen heimisch zu fühlen. Um ihnen etwas Geborgenheit zu schenken, dazu seien er und seine Kollegen da. Sie führen die Neuankömmlinge herum und wenn nötig seien sie auch für die Rechtsberatung zuständig. Im Raum der Stille können sie durchatmen und zur Ruhe kommen. Am 6. November eröffnete das Café «Treff Ziegler» im ehemaligen Personalrestaurant des Spitals. Das Café ist offen für Bewohner und Bewohnerinnen des EVZ und für die Bevölkerung und lädt ein zu Kuchen, Spiel und Gespräch, kreativem Werken und dient als Leseraum.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 15.00–19.00, Sonntag 14.00–18.00.
Hier werden auch Sachspenden wie Einrichtung, Spiele und Musikinstrumente entgegengenommen. Wer sich ehrenamtlich engagieren möchte, kann unter cafe(at)ziegler-freiwillige Kontakt aufnehmen.

Christina Burghagen

Hinweis:
www.ziegler-freiwillige.ch
cafe(at)ziegler-freiwillige

16. November 2016
erstellt von «pfarrblatt»
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