«... dann haben die Schwächsten unter uns ein wenig von unserem Überfluss bekommen.» Foto: fotolia.de/Yarkovoy

Ein besonderer Zirkus-Nachmittag

Die katholische Pfarrei Dreifaltigkeit in Bern lädt am 11. August über 400 Kinder und ihre Eltern zu einer besonderen Vorstellung in den Zirkus Knie ein. Diverse Sozialdienste vermittelten armutsbetroffene Familien für diesen besonderen Anlass, der hauptsächlich von der Botschaft der Vereinigten Arabischen Emirate finanziert wird.

«Wir wollen Familien ein gemeinsames Erlebnis ermöglichen, die es sonst nicht einfach haben», erläutert Pfarrer Christian Schaller von der Pfarrei Dreifaltigkeit die Idee für die Zirkusvorstellung. Dank einem persönlichen Kontakt zu Botschafter H.E. Mohamad al Owais von den Vereinigten Arabischen Emiraten übernimmt dessen Botschaft einen grossen Teil der Kosten für den Anlass, den Rest finanzieren Kollekten von der Katholischen Kirche Region Bern. Pfarrer Schaller will damit ein Zeichen setzen.

Jedes zwanzigste Kind in der Schweiz sei von Armut betroffen, auch in Bern. Das bedeute, dass diese Kinder und ihre Eltern vor allem von kulturellen Veranstaltungen oft ausgeschlossen blieben: «Mit diesem Anlass kämpfen wir gegen die Ausgrenzung der von Armut betroffenen Familien.» Verschiedene Sozialdienste der Pfarreien in der Katholischen Kirche Region Bern vermittelten weit über 400 Kinder und ihre Eltern für die Vorstellung des Zirkus Knie, die sie am Nachmittag des 11. August gratis besuchen können.

Christian Schaller ist überzeugt, dass solch einmalige Erlebnisse eine nachhaltige Wirkung haben: «Positive Erinnerungen aus der Kindheit prägen das ganze Leben.» Es sei wichtig, den Familien Raum für Träume zu schenken, die kreative und fantasievolle Begabungen wecken können.

 

Dieser Text erschien auf der Pastoralraumseite im «pfarrblatt» 33-34. Wie ist der Kontakt zur Botschaft der Vereinigten Arabischen Emirate zustande gekommen? Muss man das nicht kritisch hinterfragen? Pfarrer Christian Schaller nimmt Stellung:


«pfarrblatt»:
Christian Schaller, eine kostenlose Zirkusvorstellung für von Armut betroffene Familien überzeugt. Aufgefallen ist uns der Hauptsponsor Botschafter H.E. Mohamad al Owais aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Wie ist dieser Kontakt zustande gekommen?

Christian Schaller: Bei einem Anlass habe ich den Botschafter getroffen. Wir sind ins Gespräch gekommen und haben über Familien und Kinder gesprochen. Da habe ich erwähnt, dass wir in der Schweiz viel zu wenig für Familien tun würden. Gemäss Studien sind viele Familien bei uns von Armut betroffen. Vor allem Alleinerziehende haben es schwer. Ich habe auch über meinen Ärger gesprochen, dass wir, die katholische Kirche in Bern, viel zu wenig für diese Familien tun würden. Da hat mich der Botschafter spontan gefragt, was ich denn machen möchte. So habe ich ihm von meinem Traum erzählt, Kinder mit ihren Eltern zu einer Zirkusvorstellung einzuladen. Denn solche Anlässe können sich viele Familien nicht mehr leisten. Mir scheint es höchst wichtig zu sein, Kindern zu fördern, indem wir ihnen ermöglichen, Schönes zu erleben. Positive Kindheitserinnerungen sind das Nachhaltigste im Leben eines Menschen. Sie stiften Hoffnung und prägen die Zukunft der Kinder. Wenige Tage später hat der Botschafter angeboten, diesen Traum in die Wirklichkeit umzusetzen.

Ist das staatliches Geld der VAE oder ist das privates Geld des Botschafters. Wer bezahlt letztlich den Ausflug?

Wenn mir jemanden einen Franken für etwas Gutes spendet, habe ich noch nie die Frechheit gehabt, zu fragen, woher das Geld kommt. Was Geld betrifft, hinterfrage ich viel mehr unsere Verwendung der kirchlichen Steuergelder. Hier bräuchten wir, meines Erachtens, ein bisschen mehr Phantasie, vor allem was den Überschuss angeht.

Mit dieser Aktion wird – so könnte man argumentieren – in erster Linie das Image der VAE gepflegt. Zumindest könnte die Gefahr bestehen, einer reinen PR-Aktion aufzusitzen unter dem Deckmantel der Armutsbekämpfung. Sehen Sie das anders?

Bitte! Das Zirkusprojekt ist keine Armutsbekämpfung und auch keine Vorstellung nur für die Armen. Kinder und Eltern wurden eingeladen. Keine Familie musste ihre finanzielle Lage darlegen. Wir wollen keine Familie als reich oder arm brandmarken. Mit allen wollen wir mit Achtung begegnen. Ihre Frage bezüglich PR-Aktion ist sehr interessant. Darf ich Sie bitten, nachzudenken? Wer von beiden braucht eine «PR-Aktion»? Die Botschaft der VAE oder die Kirche? Der Botschafter ist eine sehr diskrete Person und braucht keine Werbung für sich. Ich habe ihm gesagt: Wir machen etwas Gutes und wir sagen es auch. Wenn das Projekt dazu bewegt, dass weitere solche Aktionen organisiert werden, dann haben die Schwächsten unter uns ein wenig von unserem Überfluss bekommen.

Gibt es auch andere Sponsoren, beispielsweise aus den Pfarreien und Kirchen?

Nur bei einem einzigen Gottesdienst habe ich die Familien über das Projekt informiert. Sonst gab es keine Werbung. In wenigen Tagen hatten wir die 250 reservierte Plätze schon vergeben. Es gab eine Warteliste, die sich täglich füllte. Was tun? Die Kirchgemeinde der Dreifaltigkeit hat sich bereit erklärt, das Projekt mitzutragen. Das Dekanat Bern hat einen Antrag gutgeheissen. So können die über 400 angemeldeten Kinder und Eltern an der Vorstellung teilnehmen. Das Projekt fand bei vielen einen sehr guten Anklang. Viele Leute haben 10 oder sogar 200 Franken für dieses Ereignis gespendet. So kam eine Summe zusammen, die den Teilnehmern ermöglicht, eine Glace während der Pause zu geniessen. Bei allen bedanke ich mich für diese Grosszügigkeit.

Die Vereinigten Arabischen Emirate müssen sich immer wieder der Kritik stellen, Frauenrechte, Arbeiterrechte, Verbot von Homosexualität, Umgang mit Vergewaltigung, Verbot jeglicher Kritik am Herrscherhaus, Engagement an der Seite Ägyptens und Saudi-Arabiens im hässlichen Jemen-Krieg etc. werden diskutiert. Sehen Sie darin keine Probleme mit der konkreten Aktion?

Bevor ich irgendjemanden Vorlesungen erteile, muss ich vor meiner eigenen Tür kehren. Ich muss mich selbst zuerst fragen, wie wir als katholische Kirche mit Frauen, Homosexualität, Missbrauch und so weiter umgehen. Diese Aktion entstand aus einer Begegnung. Hier konnten wir einen positiven und konstruktiven Dialog führen. Jede Begegnung im Respekt ermöglicht einen gemeinsamen Weg. Gegenseitige Vorurteile können abgebaut werden. Wenn wir miteinander ein positives Projekt tragen, dann haben wir auch die Gelegenheit voneinander zu lernen. Ich bin zutiefst überzeugt, dass es der Menschheit besser gehen würde, wenn alle Staaten, alle Institutionen, alle Religionen, alle Menschen ihr Handeln am Wohl der Kinder, die unsere Zukunft sind, orientieren und messen.

Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen, Redaktion «pfarrblatt»

6. August 2018
erstellt von «pfarrblatt» online
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