Dankgebet beim Abtauchen in der Aare. Foto: froodmat / photocase.de

Ein Privileg

Im Sommer nehme ich mir gerne die Zeit, in jeden Bergsee oder Bach zu steigen, an dem ich vorbeikomme. Und natürlich schwimme ich auch bei jeder Gelegenheit in der Aare. Was für ein Privileg.

Ich schätze mich glücklich, wieder in Bern zu leben. Als Studentin konnte ich es kaum erwarten, ins Ausland zu gehen. Zu eng war mir Bern geworden. Ich sehnte mich nach dem Unbekannten, dem Exotischen. Bern kannte ich in- und auswendig. So zog es mich bereits während des Studiums immer wieder ins Ausland.

Nach dem Studium kehrte ich der Schweiz für mehrere Jahre den Rücken zu, lebte in Syrien, im Libanon, in Israel und im Westjordanland. Eine Zeit, die ich nicht missen möchte. Natürlich gab es auch Momente, wo ich mich fragte: «Nicola, was machst du hier? Zu Hause wäre alles einfacher.» Es sind wohl primär jene herausfordernden Erfahrungen, die mich bis heute meine hiesigen Alltagsprobleme immer wieder relativieren oder überdenken lassen.

Das Leben im Ausland machte mir klar, was für ein Glück ich hatte, in der Schweiz geboren zu sein: Ich wurde dazu erzogen, kritische Fragen zu stellen und nicht alles als von Gott gegeben hinzunehmen. Als Frau kann ich selber über mein Leben bestimmen. Ich kann die Politik mitprägen, indem ich mich an der direkten Demokratie beteilige. Ich darf sagen und schreiben, was ich denke. All das ist für viele Menschen auf dieser Welt nicht selbstverständlich.

Als Privileg empfinde ich zudem die Möglichkeit, im Ausland sein Glück zu versuchen. Denn ich weiss, dass wenn der Plan scheitert, ich jederzeit in die Schweiz zurückkehren kann, wo die Chance, eine Arbeit zu finden, gross ist. Ich bin nicht nur dankbar für meine Erfahrungen im Ausland, sondern auch dafür, wieder in Bern zu leben. Dafür spreche ich jedesmal, wenn ich in der Aare abtauche und das Rauschen und Knistern der Kieselsteine höre, ein kurzes Dankesgebet aus.

«Wir nehmen uns die Zeit» im Überblick

 

 

 

 

Nicole Mohler 35, arbeitet für die Zeitung «reformiert.». Sie hat Arabistik studiert, mehrere Jahre im Nahen Osten gelebt und gearbeitet. Sie ist Mutter und lebt heute in Muri.

 

 

8. August 2018
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 33-34
  • Pfarrblatt / Angelus