Tierfiguren am Berner Münster. Fotos: Christina Burghagen

Pfarrer Jürg Welter führt durch den «Zoo» im und am Berner Münster.

Hund und Ziege

Ein Spaziergang durch den Münsterzoo

Zur ökumenischen Veranstaltungsreihe der «Kulturtage» von sechs innerstädtischen Berner Kirchgemeinden gehörten Ende Mai Spaziergänge, Filme, Konzerte und Vorträge rund ums Tier. Unter dem Titel «Der Münster-Zoo» führte der ehemalige Münsterpfarrer Jürg Welter durchs Berner Gotteshaus und machte so manche Tierdarstellung aus.

«Da sprach Gott, der Herr, zur Schlange: Weil du das getan hast, bist du verflucht unter allem Vieh und allen Tieren des Feldes. Auf dem Bauch sollst du kriechen und Staub fressen alle Tage deines Lebens.» (Genesis, Kapitel 3, Vers 14). Rund ein Dutzend Damen und Herren scharen sich am Hauptportal des Berner Münsters um Pfarrer Jürg Welter. Der Theologe hatte bis 2013 stolze 18 Jahre lang hier seinen Arbeitsplatz. Er weiss noch gut, welchen ersten Eindruck er vom Portal hatte: «Wo ist es so vergittert wie in einem alten Zoo?», fragt er in die Runde und zeigt auf das geschmiedete Portal, auf dem gefährliche Spiesse blitzen. «Es gibt auch in der Kirche ein Drinnen und Draussen», sagt der Referent nachdenklich. Die Vorhalle der Kirche thematisiere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, erklärt Welter: «Die Zeitebenen, die alle Menschen angehen.»

Seine Aufmerksamkeit schenkt er nun dem Wandgemälde von Adam und Eva mit der Schlange, dem ersten Tier, das er in seinem «Münsterzoo» präsentiert – als Verführerin Evas. Die Schlange gelte in der Bibel sowohl als Bild für Klugheit als auch für Heuchelei. Diese Doppeldeutigkeit stelle ein Problem dar, so Pfarrer Welter. Sie sei das Werkzeug des Satans. Aber wie passe das zum Ratschlag Jesu, der die Jünger anspornt, klug wie die Schlangen zu sein?, fragt der Kenner des Münsters und wedelt mit einem Büchlein, dem uralten «Physiologus» (Im Physiologus sind frühchristliche Naturlehren zusammengefasst *), der den Widerspruch elegant umschifft. Es bestünden hierzu zwei Kapitel. Eines beschreibt die «kluge» Schlange des Jesuswortes. «Wenn die Schlange alt wird, lässt die Kraft ihrer Augen nach. Und wenn sie sich verjüngen will, lebt sie asketisch und fastet ..., bis ihre Haut faltig wird. ... So wirft sie die alte Haut ab und wird wieder jung.» Die gute Schlange könne also das Kleid der Sünde abwerfen. Das zweite Kapitel «Über die Viper», deutet die Schlange des Sündenfalls. Die Viper oder die Otter seien heuchlerisch und dämonisch.

Der Referent wechselt zu Hundedarstellungen: «Bei der ersten Gruppe, die ich durchs Münster geführt habe», erzählt er bedauernd, «habe ich mich in die Nesseln gesetzt, denn es waren einige Hundeliebhaber darunter.» Aber er könne ja nicht ändern, was die Menschen zu Zeiten des Physiologus glaubten. Was heute als treuster Freund des Menschen gilt, stand damals für das Böse und Unberechenbare.

In der Nachbarschaft eines Hundes prangt ein gehörntes Tier. «Gut möglich, dass es eine Ziege ist», vermutet Jürg Welter. Widder, Ziegenbock und Stier seien Symbole für Kraft und Durchsetzungsvermögens. Kein Zufall, dass der «böse» Hund und das kraftvolle Tier nebeneinander stünden. Die Ziege musste erst später als Sündenbock herhalten.

Eine stattliche Mähne besitzt die Löwendarstellung neben einem weiteren Hund in der Vorhalle. Der Physiologus attestiert dem Löwen königliche Macht und beschreibt ihn als Gefahr für den Teufel. Gleich daneben begegnet der Gruppe der erste Münsterbär: «Ich weiss gar nicht, wie viele Bären es im Münster gibt – sehr viele jedenfalls», lächelt Pfarrer Welter in der grössten Kirche der Bären-Stadt.

Die Gruppe wechselt in den Münster-Innenraum zum spätmittelalterlichen farbstarken Scheibenzyklus. Ochse und Esel zeigen sich dort in der Weihnachtsgeschichte. Nach dem Matthäusevangelium habe Maria ihr Kind in einer Höhle geboren und erst danach in den Stall gebracht. Der Ochse symbolisiere das Volk Israel, der Esel stünde für die Heiden. «Jesus hat ja auch nie gesagt, dass er Christ ist», schmunzelt Welter.

Mit den Augen auf Entdeckungsreise bleibt der Kirchenmann an einer Fensterszene mit einem Strauss hängen: «Dieses Tier ist ein extrem vergessliches Wesen. Es kann sich nie daran erinnern, wohin es seine Eier legt.» Der Riesenvogel lege sie zum Ausbrüten in die pralle Sonne. So stehe das Tier für grenzenloses Gottvertrauen. Löwe, Stier und Adler würden in den aufwendigen Glasmalereien häufig auftauchen. Die vier Evangelisten Matthäus Markus Lukas und Johannes, die als Autoren der vier biblischen Evangelien gelten, würden seit dem 4. Jahrhundert durch vier Symbole dargestellt. Die am weitesten verbreitete Zuordnung sei: Ein Mensch versinnbildlicht Matthäus, der Löwe Markus, der Stier Lukas und der Adler Johannes.

Jürg Welter ist mit seiner christlichen Tiersafari zu Ende, als er auf einer Kirchenbank ein hölzernes Tier erblickt, und den Kopf schief legt: «Ist das ein Wiesel?» Das propere Geschöpf sieht tatsächlich aus wie ein Mardertier. Die wendigen Raubtiere, so tut der Physiologus kund, können es mit Otterngezücht und Natternbrut aufnehmen. Das Wiesel wurde damals auch als Symbol für Christus und die Gläubigen aufgefasst, weil das Wiesel lieber sterbe, als sich schmutzig zu machen. Die Führung begeisterte die Teilnehmenden, die sich vorgenommen haben, sich nochmals auf die Pirsch zu begeben, um weitere tierische Entdeckungen im Münster zu machen.

Christina Burghagen

 

*Der Physiologus
ist eine frühchristliche Naturlehre in griechischer Sprache aus dem 2. bis 4. Jahrhundert. Der ursprüngliche Physiologus besteht aus 48 Kapiteln, in denen Pflanzen, Steine und Tiere beschrieben und allegorisch auf das christliche Heilsgeschehen hin gedeutet werden. Physiologus bedeutet so viel wie «Naturforscher».

Quelle wikipedia/jm

12. Juni 2018
erstellt von «pfarrblatt» online
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