Polens Staatspräsident Andrzej Duda und die First Lady Agata Kornhauser-Duda bei der Kranzniederlegung. Foto: Hannah Einhaus

Polens Staatspräsident Andrzej Duda und die First Lady Agata Kornhauser-Duda mit den Wachen. Foto: Hannah Einhaus

Konstanty Rokickis Ehrengrab. Foto: Hannah Einhaus

«Er stellte sich in den Dienst der Menschlichkeit»

Konstanty Rokicki lebte in den Kriegsjahren als polnischer Konsul in der Schweiz. Mit gefälschten Pässen und Visa gelang der polnischen Gesandtschaft von Bern aus, über 2000 Jüdinnen und Juden vor den Vernichtungslagern zu retten. Am Dienstag weihte Polens Staatspräsident Andrzej Duda in Luzern ein Ehrengrab für den Katholiken Rokicki ein.

Das Wetter ist an diesem Dienstag perfekt sonnig, doch nicht heiss, um auf dem Luzerner Friedhof Friedental eine Lichtgestalt zu ehren. Auf dem dunkelgrauen Grabstein steht weiss eingemeisselt «Konstanty Rokicki, 1899–1958, polnischer Konsul in Bern, Holocaust-Retter». Eine Bühne für Pressefotografen und Kameraleute ist aufgebaut. Pünktlich um 14 erschallt über den Grabfeldern per Mikrofon die Bitte, schweigend auf den Präsidenten Andrzej Duda, die First Lady Agata Kornhauser-Duda und die Schoah-Überlebenden zu warten, die sich für diesen Ehrenanlass zusammengefunden haben. Der Tross setzt sich aus einiger Distanz in Bewegung und nähert sich dem Grab, den mehreren hundert Gästen und der Kamerabühne. Uniformierte Trompeter und Trommler umrahmen die anschliessende Kranzniederlegung durch den Präsidenten. «Wir sind hier versammelt, um einen polnischen Diplomaten zu ehren,» sagt Duda. «Wir beugen unsere Köpfe vor all den Opfern des Holocaust, den Opfern des deutschen Nationalsozialismus. Unter diesem schwarzen Himmel des Terrors gedenken wir einem Leuchtstern, Konsul Konstanty Rokicki, der hier in der Schweiz das polnische Konsulat führte. Er stellte sich in den Dienst der Menschlichkeit.»

Die Schweiz als ruhige Insel im kriegerischen Europa

Während des Krieges dient Rokicki als Konsul der polnischen Republik, die zu diesem Zeitpunkt von NS-Deutschland und der Sowjetunion besetzt ist. Nichtsdestotrotz hält der Bundesrat an den diplomatischen Beziehungen zur polnischen Exilregierung um Wladyslaw Sikorski in London fest und anerkennt in Bern weiterhin eine polnische Vertretung unter der Leitung des Gesandten Aleksander Lados. Zwei weitere polnische Mitarbeiter sind neben Lados und Rokicki an der damaligen Rettungsaktion beteiligt, deren Namen vor wenigen Wochen von der polnischen Botschaft in Bern mit einer Gedenktafel ebenfalls geehrt wurden: Stefan Ryniewicz und Juliusz Kühl.

Man stelle sich vor: Ganz Europa steht im Krieg, doch in der neutralen Schweiz laufen die Informationen dank versiegelter Diplomatenpost zusammen. Es ist denn auch Kühl, der 1942 in der Schweiz zu den ersten gehört, die über Auschwitz und andere Vernichtungslager verlässliche Informationen erhalten und weiterleiten. Der gebürtige Jude aus Galizien hat in Bern Wirtschaft studiert, über polnisch-schweizerische Handelsbeziehungen promoviert und war ausgezeichnet vernetzt mit jüdischen Rettungsorganisationen, unter anderem mit dem Orthodoxen Chaim Eiss aus Zürich und dem Zionisten Abraham Silberschein aus Genf, beide ursprünglich in Polen geboren.

Höhere Überlebenschancen dank Ausweisen

Als immer mehr Nachrichten über die deutschen Vernichtungspläne an den europäischen Juden durchsickern, greift die polnische Gesandtschaft zu einem Kniff: In Zusammenarbeit mit den Rettungsorganisationen erhalten die polnischen Diplomaten in Bern Listen und Fotos von Tausenden von Menschen, die in Ghettos zusammengepfercht leben und als Juden faktisch zum Tode verurteilt sind. Besässen sie jedoch den Ausweis eines neutralen Landes, wären sie «Manövriermasse» für einen Austausch gegen deutsche Gefangene, was die Überlebenschancen massiv erhöht. Das polnische Quartett in Bern wendet sich an den Berner Notar Rudolf Hügli, der im Nebenamt die konsularischen Interessen Paraguays vertritt. Dieser überlässt nun den Polen leere paraguayische Passformulare. Der Schrift nach füllt vor allem Rokicki die Formulare aus und klebt Bilder ein. Hügli beglaubigt wiederum die Angaben. Im Gegensatz zur polnischen Gesandtschaft fordert er eine Gebühr von 2000 Franken pro Ausweis. Über 2200 Ausweise aus der polnischen Gesandtschaft in Bern erreichen die Ghettos in Polen. Dank deren mindestens 800 Menschen nachweislich überlebt.

Präsident Dudas Suche nach Lichtgestalten

Diese Geschichte geriet Jahrzehnte in Vergessenheit. Rokicki schied nach dem Krieg aus dem diplomatischen Dienst aus, lebte weiterhin in der Schweiz, in Luzern, wo er 1958 verstarb. Sein Grab wurde bereits vor etwa 40 Jahren aufgehoben. Im Nachlass der Familie von Chaim Eiss entdeckten Historiker und Journalisten vor rund ein, zwei Jahren jedoch Namenslisten und zahlreiche Dokumente zu dieser Geschichte und machten sie publik. Die polnische Regierung ist auf den fahrenden Zug aufgesprungen und hat die vier Männer der damaligen Gesandtschaft in Bern posthum geehrt. Denn Rokicki, Lados, Kühl und Ryniewicz fügen sich gut in ein Geschichtsbild, an dem die nationalistische Regierung unter Duda feilt. Ein Bild von Opfern und Helden, nicht aber von Tätern.

Ein in Polen geborener Überlebender, der heute in der Schweiz lebt, wurde gestern in Luzern erstmals von einem polnischen Präsidenten empfangen. Das sei für ihn eine grosse Ehre. Er betont im Gespräch mit Tachles aber auch: «Doch was ist mit den sechs Menschen, denen ich mein Überleben zu verdanken habe?» Auch sie hätten eine Erinnerung verdient. Unter den Diplomaten in der Schweiz, insbesondere Bern, ist auch der Nuntius Filippo Bernardini nicht zu vergessen: Er motivierte insbesondere Vertreter zahlreicher lateinamerikanischer Staaten, Schutzbriefe und Visas für jüdische Flüchtlinge in den Kriegsländern auszustellen.

Hannah Einhaus


KOMMENTAR


Bald eine neue Geschichtsschreibung?

Dass sich der polnische, nationalistische Staatspräsident die Mühe nimmt, höchstpersönlich nach Luzern anzureisen, um mit Holocaust-Überlebenden einen Judenretter zu ehren, verleiht dem Akt eine zwiespältige Note. Eine Reihe von Ereignissen allein in diesem Jahr macht stutzig: Da war der Versuch Anfang 2018, die Bezeichnung von «polnischen Vernichtungslagern» unter Strafe zu stellen. Tatsächlich waren die damaligen Lager von Deutschen errichtet und verwaltet, aber lässt sich die fehlerhafte Bezeichnung nicht durch einen höflichen Hinweis statt eine Anzeige korrigieren? Im Mai beanspruchte der polnische Botschafter in der Berner Synagoge am Holocaust-Gedenktag die Aufständischen im Warschauer Ghetto als «polnische» Helden. Sie waren zwar einst polnische Staatsangehörige, doch die Deutschen hatten sie als «Juden» in Ghettos gesperrt, entmenschlicht und der Kontrolle Dritter entzogen. Nun also die Ehrung des Diplomaten Rokicki. Auch wenn dieser wegen seiner Menschlichkeit zu Recht als Lichtgestalt in die Geschichte eingehen kann und soll, stellt sich die Frage: Welches Ziel verfolgt die Regierung von Andrzej Duda? Tendiert sie zu Schönfärberei? Werden die Vertreter des polnischen Staats auf die weniger schönen Seiten der Geschichte angesprochen – darunter zahlreiche Pogrome von polnischen Einwohnern gegen ihre jüdischen Nachbarn und der immer wieder aufkeimende Antisemitismus in Wort und Schrift – kommt das nicht gut an.

Vielleicht muss Polen auch einfach immer noch seine Rolle im neuen Europa finden: Im Gegensatz zur Schweiz, deren Grenzen sich seit dem Mittelalter kaum wesentlich verändert haben, wurde Polen auf der europäischen Karte hin- und hergeschoben. 1795 teilten sich Russland, Preussen und Österreich-Ungarn das Land untereinander auf. Erst nach dem Ersten Weltkrieg stand Polen wieder auf den Weltkarten – und wurde durch den Hitler-Stalinpakt 1939 wieder wegradiert. Der heutige Grenzverlauf und jener von 1918 sind um hunderte von Kilometern verschoben. Fast ein halbes Jahrhundert war Polen Teil des kommunistischen Ostblocks, seit 2004 gehört es zur marktwirtschaftlichen EU. Nach so häufigen Systemwechseln werden Orientierungshilfen manchmal notwendig, und da sind Helden der Menschlichkeit sicher eine gute Adresse. Nur dürfen sie den (selbst-)kritischen Blick auf menschenfeindliche Realitäten nicht verschleiern.

Hannah Einhaus

11. Oktober 2018
erstellt von «pfarrblatt» online
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