Symbolbild. Foto: Thomas Plain

«Es stresst mich, wenn ich aufs Sozialamt muss»

Ungünstige familiäre Voraussetzungen, ungeplante Mutterschaft, fehlende Ausbildung oder verpasste Chancen: Die Gründe für Sozialhilfebezüge sind vielfältig. Auch Maya Wermuth* war in ihrem Leben immer wieder auf Sozialhilfe angewiesen. Dem «pfarrblatt» hat sie ihre Geschichte erzählt.


Von Oliver Lüthi, Caritas

Maya Wermuth verbrachte eine anspruchsvolle Kindheit. Als Kind deutscher Eltern, welche ihr Land nach dem 2. Weltkrieg verlassen hatten, sah sie sich in der Schule und privat oft Anfeindungen ausgesetzt. Die Eltern brachten nicht die Kraft auf, sie wirksam davor zu schützen und beim Erwachsenenwerden richtig zu begleiten.
Vielleicht auch deshalb landete sie früh in einem Kinderheim. Trotz Bemühungen gelang es ihr nicht, eine Lehrstelle zu finden. Mit 19 wurde sie ein erstes Mal Mutter. Der Vater des Kindes verliess sie noch während der Schwangerschaft. Das war 1987. Schon kurze Zeit später fand sie einen neuen Partner und 15 Monate nach dem ersten kam das zweite Kind zur Welt. «Ich hatte das Gefühl, die wahre Liebe gefunden zu haben», so Frau Wermuth.

Trotzdem ging ihre Beziehung wieder in die Brüche, sodass sie, kaum 21 Jahre alt, alleine zwei Kinder grosszuziehen hatte. Später unternahm Frau Wermuth immer wieder Versuche, ins Berufsleben einzusteigen. Sie arbeitete unter anderem als Köchin, im Service, in der Logistik und als Selbstständige. «Ich produzierte biologischen Guaranasirup», erzählt sie lächelnd. Auch in die Computerbranche, die damals einen ersten Hype erlebte, stieg sie ein. Mit einem Partner führte sie zwischenzeitlich eine eigene Firma.

Dank diesen Tätigkeiten konnte sich Frau Wermuth immer wieder von der Sozialhilfe lösen. Mehrmals spielte sie auch mit dem Gedanken, eine Ausbildung zu absolvieren, «um langfristig von der Sozialhilfe wegzukommen». Aus finanziellen Gründen war dies jedoch nicht möglich, und vom Sozialamt hatte sie in dieser Hinsicht keine Unterstützung. Deshalb wurde der Gang aufs Sozialamt für Frau Wermuth in der Folge immer wieder zur einzigen Lösung. «Wenn man ein gewisses Alter hat, keine Ausbildung und zu viele Lücken im Lebenslauf, wird es schwierig.»

Aktuell bezieht sie keine Sozialhilfegelder, «aber in ein paar Tagen laufen meine Taggelder der Arbeitslosenversicherung erneut aus», so Wermuth. Trotz aktuellen Teilzeitjobs reichen die Einkünfte zum finanziellen Überleben nicht aus. «Es ist für mich Stress pur, wenn ich ordnerweise Absagen erhalte und daran denke, wieder aufs Sozialamt zu müssen», schildert Frau Wermuth diese beklemmende Situation.

Angesprochen auf die anstehende Abstimmung über das Sozialhilfegesetz winkt sie ab. «Die zuständigen Politiker wissen nicht, was es heisst, mit einem Sozialhilfebudget zu leben.» Und: «Überhaupt sollte nicht immer mit denen verglichen werden, die sowieso schon wenig haben. Die Situation für Wenigverdienende muss auf der Seite der Arbeitgeber gelöst werden.»

Trotz ihrer schwierigen Lage strahlt Frau Wermuth Zuversicht aus. Auf die Frage, was ihr grösster Wunsch sei, meint sie: «Den Schritt in die finanzielle Selbstständigkeit zu finden, um die Jahre bis zu meiner Pensionierung anständig zu leben.» Und wenn sie mit ihrem jüngsten Sohn über mögliche Ausbildungen spreche, dann denke sie: «Eine Aus- oder Weiterbildung würde ich auch gerne machen. Ich habe noch einige Jahre dazu.»

*Der Name der Protagonistin ist zu ihrem Schutz geändert.

 

Caritas Bern sagt Nein zum revidierten Sozialhilfegesetz, unterstützt hingegen den Volksvorschlag. Mit dem neuen Gesetz würde sich die Situation der Sozialhilfebeziehenden im Kanton Bern deutlich verschlechtern. Die Sozialhilfe bildet das letzte Netz der sozialen Sicherheit und darf aus Sicht des Hilfswerks nicht in Frage gestellt werden. Auch würde das neue Gesetz das landesweit anerkannte, einheitliche System der Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) schwächen. Caritas Bern sagt Ja zum Volksvorschlag, da dieser konkrete Lösungsvorschläge für die drängenden Probleme in der Sozialhilfe bietet.

 

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14. Mai 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 11
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