Keine Hoffung ohne Vertrauen

Was wäre geschehen, wenn Abram (wie er damals in seiner ersten Lebenshälfte genannt wurde, bevor Gott einen Bund mit ihm schloss) der Berufung Gottes nicht gefolgt wäre und sein Heimatland, seine Verwandtschaft, seine lieb gewonnenen Gewohnheiten nicht verlassen hätte? Aus verständlicher Bequemlichkeit – er war laut Tradition schon im ehrwürdigen Alter von 75 Jahren –, aus Angst vor einer langen Reise ins Unbekannte? 

Die Frage wurde von Albert Rouet, Erzbischof von Poitiers (Bild), gestellt, auch einem Mann in einem stolzen Alter, in welchem viele längst das Leben als Pensionierte geniessen, einem, der weiterhin auf dem Weg ist, um seine Mitmenschen zu Mut und zu Hoffnung zu animieren. Die Frage von Rouet, der Ende September einen Vortrag in Bern hielt (siehe «pfarrblatt» 39/40), steht in besonderem Zusammenhang mit dem 2. Vatikanischen Konzil. Der damalige Papst erwartete vom Konzil, das er zur Überraschung von vielen einberufen hatte, ein «aggiornamento» (eine Aktualisierung) der katholischen Kirche. Italienisch war die Muttersprache des Papstes, das Wort wurde sorgfältig ausgewählt. 

Das Wort «Modernisierung» war damals verpönt. Die römische Kirche predigte und kämpfte Anfang des 20. Jahrhunderts mit allen Kräften gegen die Moderne. Und «Reform » hat ja einen protestantischen Beigeschmack. Papst Johannes XXIII wollte nach den Zeichen der Zeit forschen. Die Antwort, ob die Aktualisierung der Kirche gelang, überlasse ich kompetenteren Exponenten. 

Als Christin in der heutigen Kirche und als Bürgerin frage ich mich aber, was heute – im Oktober 2012 – unsere Zeit kennzeichnet. Bestimmt sind eine Vielfalt von Zeichen sichtbar (oder wahrnehmbar), je nach Lebenslage, Standort in der Welt, Alter oder Interessen des Beobachters, eine Vielfalt von PuzzleTeilchen, die zu einem scharfen Bild der heutigen Zeit beitragen. Mein Bild ist das einer westlichen Gesellschaft und Zivilisation, die vor dem Wandel stehen oder den Wandel sogar schon initiiert haben. Der Wandel bedingt eine Reise, die es in sich hat. Wohin diese Reise führt und was wir dazu benötigen, wissen wir nicht. Und wir können nicht alles im Gepäck mitnehmen. 

Eines kann uns die Reise von Abram lehren: Es gibt keine Hoffnung ohne Vertrauen, auch keine Hoffnung ohne Verzicht. Was Abram hinter sich liess, war ihm vertraut, das Land, «das ihm Gott zeigen wird» (Gen.12,1), ist Neuland… Er zog aber weg, und sein Schicksal als Abraham wurde vollbracht! 

Anne Durrer, Mediensprecherin Santésuisse. Autorenportraits

18. Oktober 2012