Papst Franziskus wurde diesen Mittwoch während der Generalaudienz spontan von einer Gruppe Migrant*innen zu diesem Foto animiert. Auf dem Transparent steht: Niemand ist Ausländer. Foto: Reuters/Remo Casilli

Das neue Papstschreiben: sind die Hürden überwunden, lohnt sich das aufmerksame Durchhalten. Foto: Reuters/Remo Casilli

«Gaudete et Exsultate»: Über die allgemeine Berufung zur Heiligkeit

Eine Päpstliche «Ermunterung» (Exhortation) gefällig? Papst Franziskus macht sich in seinem neuen Schreiben Gedanken über die allgemeine Berufung zur Heiligkeit. Das «pfarrblatt» findet – sehr lesenswert.

Allerdings gilt es zunächst, einige Hürden zu überwinden:

• Der Begriff «Heiligkeit» bräuchte eine zeitkonforme Übertragung – wie wäre es mit «Authentizität», «Integrität» oder vielleicht sogar «Gutmensch» im eigentlichen Sinne, ein Mensch, der das Ganze, die Trauernden und die Fröhlichen mit dem Herzen sieht.

• Als Bild für das «schlechte Reden übereinander» kommt dem Papst kein besseres Bild in den Sinn als zwei tratschende Frauen auf dem Marktplatz – es gäbe beispielsweise auf Manageretagen viel treffendere Beispiele von Mobbing. Das ist etwas ärgerlich, weil sein Klischee feministische Einsichten und Genderfragen schlichtweg übergeht.

• Der Teufel scheint dem argentinischen Papst ein Anliegen zu sein, und zwar als personales Wesen, das uns bedroht. Auch wenn er den Gehörnten dann mit Neid, Eifersucht und all dem menschlich Bösen erklärt, bleibt er in der alten dogmatischen Überlieferung, bei der der heutige Leser eher abhängt als dranbleibt.

• Bleibt die «vatikanische-kirchliche» Amts-Sprache und Form. Sie lässt das frische und direkte Formulieren, das in der Botschaft an die Familien «Amoris Laetitia» aufgefallen ist, vermissen. Lesemutigen vergällt sie bald die erhoffte «Ermunterung».

Sind diese Hürden aber einmal überwunden, dann lohnt sich das aufmerksame Durchhalten. Selten wurde so differenziert, offen und ohne belehrenden Ton beschrieben, was Christsein heute bedeutet. Hier schreibt ein Mann, der Anstand, Rücksicht und kritische Betrachtung anwendet und auch dafür Eintritt, ohne Einzelne zu verletzen oder abzuwerten. Es ist ein eindringliches Plädoyer für menschliches Verhalten, das sich an Konfliktfähigkeit, Barmherzigkeit, Frieden und Gewaltlosigkeit orientiert. Klar, er verteilt schallende rhetorische Ohrfeigen, wenn er anprangert, dass in gewissen Kreisen bioethische Fragen gegen Migration ausgespielt wird, oder wenn er eine Kontemplation ohne konkretes soziales Handeln ablehnt, oder nur Geist (Gnosis) und nur Wille (Pelagianismus) als untauglich elitär und narzistisch blossstellt. Er mahnt an gegen Fake-News und Hasskommentare im Netz. Da, sagt er selbstkritisch, würden selbst katholische Medien versagen.

Das ganze Werk atmet den Ruf nach dem befreiten Menschen, der in seiner alltäglichen Arbeit, in seinen kleinen Verrichtungen authentisch «heiliger» Mensch sein kann, ohne als Heiliger zu gelten. Es ist schon viel, wenn der Mitmensch, Nachbar, der in Notgeratene nicht vergessen geht. Zudem, unter den zitierten «offiziellen» Heiligen, sind viele Frauen aus aller Welt.

Schön und mit Gewinn zu lesen sind die Erklärungen über die Seligpreisungen, direkt erfassbar und umsetzbar in ihren Impulsen. Besonders eingängig sind die Verrichtungen kleiner Arbeiten, die der Zimmermann von Nazareth sorgfältig erledigt. Das Aufstellen des Grillrosts, zum Beilspiel, am See. Nicht für ihn selbst, sondern für seine Jüngerinnen und Jünger. Wir wünschen dem kleinen Werk viele Leser. Die Mühe lohnt sich. Persönlich und für weitere Gespräche. Gerade die Kritik darüber wird dem Anliegen des Papstes gerecht. Heiligkeit darf, ja muss sich die Hände schmutzigen machen. Das befreit das Herz. Für ein verantwortliches, anständiges, empathisches Miteinander.

Jürg Meienberg

 


HINWEISE

Das Apostolische Schreiben «Gaudete et Exsultate» (deutsch: Freut euch und jubelt, Mt 5,12) «Über den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute«» wurde am 19. März 2018 von Papst Franziskus unterzeichnet und am 9. April 2018 veröffentlicht. Der Schwerpunkt seines Lehrschreibens, in Form einer Exhortatio, liegt auf der Ermutigung zu mehr Heiligkeit im Alltag.

Deutscher Text des Apostolischen Schreibens Gaudete et exsultate

Ab Mai ist die Ermunterung auch als Buch bei der ökumenischen Buchhandlung Voirol in Bern erhältlich: Rathausgasse 74, 3011 Bern, Tel. 031 311 20 88, E-Mail info(at)voirol-buch.ch

 

 

 

 

13. April 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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