«Patient*innen brauchen Mitmenschen, die ihr Suchen und Fragen aushalten und liebevoll präsent sind.» Isabelle Noth. Foto: Pia Neuenschwander

Gott und die Welt neu sehen lernen

Um die Jahrtausendwende hat die Weltgesundheitsorganisation ihre Definition eines ganzheitlichen Menschenbilds im Gesundheitsbereich um eine vierte Dimension erweitert. So haben Patient*innen nebst körperlichen, psychologischen und sozialen Nöten auch spirituelle Bedürfnisse. Medizin, Pflege, Sozialarbeit, Psychotherapie und Theologie setzen sich seither mit der Frage auseinander, wie Menschen in Krisensituationen mit Spiritual Care sinnvoll und hilfreich unterstützt werden können.

Interview mit Isabelle Noth: Anouk Hiedl
Foto: Pia Neuenschwander

«pfarrblatt»: Spiritual Care ist ein Aspekt der Pflege von Schwerkranken und Sterbenden, aber nicht nur. Was umfasst diese Begleitung von Patient*innen?

Isabelle Noth: Es gibt derzeit sehr unterschiedliche und einander konkurrierende Spiritual-Care-Konzepte, denen dementsprechend auch sehr unterschiedliche Verstehensweisen der Sache selbst zugrundeliegen. Allen gemeinsam ist jedoch das Anliegen, Menschen in Bezug auf ihre spirituell-existenziellen Fragen, Sehnsüchte und Bedürfnisse, die insbesondere im Zusammenhang mit einer Erkrankung oder dem bevorstehenden Sterben ausgelöst werden, hilfreich beizustehen. Dass Spiritualität eine besondere Ressource sein kann, um Krisen etwelcher Art zu überstehen und zu bewältigen, ist unbestritten. Eine Vielzahl empirischer Studien belegt dies, und Religionen haben es schon immer gewusst. In der theologiefernen Forschung wurde jedoch lange ausgeblendet, dass Spiritualität eben nicht nur gesundheits- und resilienzfördernd ist. Ähnlich wie Religiosität eine ganze Bandbreite umfasst, bis hin zu Fundamentalismen und Sekten, gibt es auch schädliche spirituelle Richtungen und Praktiken. Bei diesen krankmachenden, rigiden und lebensbehindernden Formen geht es u. a. um Macht, Angst und Abwehr. Lange verband man Spiritualität im Gegensatz zu Religion mit Freiheit. Sie diente quasi als feine Füllung ohne institutionelle Verpackung bzw. als eigentlicher Kern ohne äussere, historisch gewachsene und deshalb verzichtbare Hülle – das war jedoch eine glatte Illusion. Bei Spiritual Care gilt es deshalb, genauso hinzuschauen wie bei explizit religiöser, kirchlich gebundener Begleitung. Man muss bei lebensdienlichen Formen von Spiritualität ansetzen und diese zu fördern suchen.

Wie geschieht das?

Im Spital sind Menschen in einer Ausnahmesituation – da tauchen unweigerlich Sinnfragen auf, Fragen zum Leben, zum Sterben, zum Tod und zu Gott oder zu einem grösseren Ganzen. Gelebte Spiritualität kann darin unterstützen, schwierige Lebensereignisse und existenzielle Krisen besser zu bewältigen und neue Zusammenhänge zu erkennen. Im Gespräch am Spitalbett kann Spiritual Care Impulse geben, um eigene Denkmuster zu erweitern und den Blick für unsere Zusammengehörigkeit und Angewiesenheit aufeinander zu öffnen. Diese Blickveränderung, die Vertrauen stärkt und getragen ist vom Gefühl des Dazugehörens, hilft, sich auf neue Wahrnehmungen einzulassen. Menschen schöpfen Kraft aus der Spiritualität, neue Perspektiven erschliessen sich ihnen, sie entdecken eine evtl. lange brach gelegene neue Quelle, die ihnen Halt und Hoffnung gibt. Sie finden Freude am Einüben einer menschen- und schöpfungsfreundlichen Haltung und sehen sich zunehmend als Teil eines Ganzen. Das Gefühl der Verbundenheit und des Mitgefühls – mit sich und anderen – wächst.

Welche Ausbildungen gibt es dafür?

Den Anfang machte vor ein paar Jahren die Medizinische Fakultät in Basel mit der Implementierung eines Masterstudiengangs in Spiritual Care. Unser Versuch damals, eine interdisziplinäre Kooperation mit Basel aufzubauen, stiess nicht auf Interesse. An der Uni Zürich wiederum wurde 2015 eine eigene, vorerst zeitlich befristete 50 %-Stiftungsprofessur eingerichtet, die sich einsetzt für ein besseres Verständnis von Spiritual Care insbesondere auch bei Mediziner*innen. In Bern haben wir in Aufnahme des Grundgedankens, dass wir nur miteinander und auf gleicher Augenhöhe wirklich weiterkommen, Expert*innen aus der medizinischen, philosophisch-humanwissenschaftlichen und theologischen Fakultät und den Pflegedirektor des Universitätsspitals an einen Tisch geladen. Unsere interdisziplinären Gespräche und der freundschaftliche Austausch verliefen so anregend und bereichernd, dass daraus der Studiengang CAS Spiritual Care der Universität Bern entstanden ist, der von allen drei Fakultäten getragen wird. Er ist in Europa einmalig und bereitet uns grosse Freude.

Wer nimmt daran teil?

Wir führen inzwischen schon den vierten Kurs durch. Zu den bisherigen Teilnehmenden zählen u. a. Pflegefachpersonen, Psychotherapeut* innen, Professor*innen der Medizin und der Sozialpädagogik und Hausärzt*innen, die Forschungsaspekte zur Spiritualität in ihre Praxis einbringen wollen. Auch Priester und Pfarrpersonen sind dabei.

Sind Theolog*innen nicht bereits in Spitalseelsorge ausgebildet?

Nicht alle! Für eine Anstellung in Spitälern, Altersheimen oder Gefängnissen brauchen christliche Theolog*innen eine Ausbildung in Spezialseelsorge. Die reformierten Kirchen bezahlen ihren Pfarrer*innen diese Studiengänge grossteils, katholische Seelsorgende sind hier deutlich im Nachteil. Das hat zu manchen Auseinandersetzungen auch in Sachen Qualitätssicherung geführt. Eine Priesterweihe ersetzt nämlich keine Ausbildung in Spezialseelsorge – gerade hilfsbedürftige Personen sind verletzlich und darauf angewiesen, dass ihr Vertrauen ins Gegenüber gerechtfertigt ist und dieses Gegenüber der Situation auch fachlich gewachsen ist. Viele Menschen, die Charisma und eine Begabung dafür haben, können viel Gutes bewirken, doch für eine kompetente längerfristige Begleitung bedarf es auch der theoretischen Reflexion und der persönlichen Konzeptbildung und -verankerung. Personen, die in Spitalseelsorge ausgebildet sind, haben manche schwierige Situation schon im Verlauf ihrer Ausbildung antizipieren und analysieren gelernt und mögliche Vorgehensweisen einüben können. Mit einer seriösen Ausbildung ist Fehlverhalten in jedem Fall geringer als mit keiner.

Wann ist Spitalseelsorge, wann Spiritual Care angebracht?

Je nach Konzept wird man auf die Frage anders antworten. In einigen Modellen ist Spitalseelsorge lediglich eine spezialisierte Form von Spiritual Care und in anderen ist Spiritual Care letztlich nichts anderes, als was Seelsorgende schon seit jeher machen. Hier kommen insbesondere auch unterschiedliche (berufs-) politische Interessen zum Ausdruck. Nimmt man nicht professionsgebundene oder politische Eigeninteressen, sondern die Bedürfnisse von Patient*innen als wichtigsten Ausgangspunkt, dann gilt es, über Berufsgrenzen hinweg für spirituelle Bedürfnisse zu sensibilisieren, die Wahrnehmungen für diesen Bereich zu schärfen und damit auch ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es hier der besonderen Qualifikation und Ausbildung bedarf. Es gilt, den Respekt vor dem Umgang mit spirituellen Anliegen zu fördern. Die Aufgabe besteht darin, Patient*innen einen Raum zu ermöglichen, in dem sie mit ihren eigenen spirituellen Fragen in einer lebensdienlichen Weise weiterkommen. Hier sind es nach wie vor universitär zertifizierte Spitalseelsorgende, die auf der Grundlage eines abgeschlossenen Theologiestudiums und mehrjähriger Berufserfahrung am besten dafür vorbereitet sind.

Wie können medizinische Berufsleute Spiritual Care in ihrer Arbeit einbinden?

Die Bemühungen insbesondere aus den USA, dass Mediziner*innen z. B. spirituelle Assessments durchführen sollen, hat sich in der Schweiz und auch in Deutschland nicht bewährt. Es ist nicht ihr Fachgebiet, es mangelt an religionspsychologischem Wissen, es fehlt ihnen die Zeit dafür und auch das Zuständigkeitsgefühl, und die Spitäler können und wollen sich das, meines Erachtens zu Recht, nicht leisten. Im Studiengang setzen sich sowohl Pflegefachpersonen als auch Mediziner*innen primär aus persönlichem Interesse mit Spiritual Care auseinander. Sie sind bei ihrer Arbeit täglich mit Leid, Schmerz und Schicksalsschlägen konfrontiert, sodass sie auch nach einer Bewältigung all dessen suchen, was sie Tag für Tag sehen. Insofern geht es auch um Selbstsorge. Wir informieren über neueste Forschungsergebnisse im Bereich der interdisziplinären Spiritualitätsforschung und geben Hilfestellungen, wie diese im Berufsalltag implementiert werden können. Darüber hinaus ist es das Ziel, dass die Wahrnehmung für die spirituellen Bedürfnisse von Patient*innen geschärft und ein adäquater Umgang mit ihnen gefunden wird.

Kann man von spirituellem Schmerz sprechen?

Es gibt sehr wohl Menschen, die ihr Erleben so bezeichnen. Gerade im Umfeld einer schweren Krankheit oder kritischer Lebensereignisse können Menschen mit gravierenden und einschneidenden Sinnfragen konfrontiert werden. Plagende Erinnerungen an lange Verschüttetes können wachgerufen werden, Verzweiflung über eigenes Versagen einen überfallen, oder innere Enge und Unfreiheit, mangelnde Grosszügigkeit und Weitsicht kann einem bewusst werden. In diesem Sinne, ja, gibt es spirituellen Schmerz. Gerade das Spital ist ein Brennpunkt. Es ist wichtig, Patient*innen in ihrem Ausgeliefertsein nicht allein zu lassen. Sie brauchen Mitmenschen, die ihr Suchen und Fragen aushalten, liebevoll präsent sind und hilfreiche Bilder und Erzählungen anbieten können, um Gott und die Welt vielleicht nochmals ganz anders als bisher, vielleicht ganz neu, wahrnehmen zu können.

Isabelle Noth ist Professorin für Seelsorge, Religionspsychologie und -pädagogik an der Universität Bern und präsidiert dort unter anderem die Studiengänge CAS Spiritual Care und CAS Religious Care im Migrationskontext.

15. April 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 9
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