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Andreas Knapp. Foto: Clemens Knapp, Pressebild

«In der Wüste muss ich mich nicht gross und nicht klein machen»

Andreas Knapp ist ein Sprach- und Gottsucher. Seine Gedichte gehören zur meistgelesenen zeitgenössischen spirituellen Lyrik. Ein Gespräch zu seinem Wüstentagebuch.

Als Mitglied der «Kleinen Brüder vom Evangelium» war Andreas Knapp als Arbeiterpriester in Frankreich, Bolivien und Deutschland tätig. Heute lebt der 60-Jährige in Leipzig und engagiert sich in der Gefängnisseelsorge und Flüchtlingshilfe. 2018 wurde er mit dem Herbert-Haag-Preis ausgezeichnet, weil er «neu buchstabiert, was ihm Jesus bedeutet» und Worte jenseits des Katechismus sucht, die auch für religiöse Analphabeten verständlich sind. Ein Interview über seine spirituellen Wüstenwanderungen, innen und aussen.

«pfarrblatt»: Sie haben 40 Tage allein in der Wüste verbracht, wie Jesus. Warum?
Andreas Knapp: Ich bin Mitglied einer kleinen Ordensgemeinschaft, die auf Charles de Foucauld zurückgeht. Dieser Abenteurer, Forscher und Mönch hat in der Wüste gelernt, sein Leben immer mehr auf Gott auszurichten. Das Hören auf die Stille verband sich mit dem Hören auf das Wort Gottes im Evangelium. Im Ausgeliefertsein an eine wilde und fremde Natur lernte er, sich den Beduinen und ihrer Gastfreundschaft anzuvertrauen. In der Spur von Charles de Foucauld pflegen wir solche Zeiten in der Wüste, um in der Stille wieder neu hören zu lernen. Ich habe mehrmals 40 Tage am Stück in der Wüste verbracht, das letzte Mal vor vier Jahren.

Wie haben Sie in der Sahara überlebt?
Ich war in dieser Zeit ganz allein; allerdings brachte ein Bruder unserer Gemeinschaft alle vier oder fünf Tage eine Kiste mit frischem Gemüse, Obst und anderen Lebensmitteln und stellte sie in meiner Eremitage ab. Um Wasser zu holen, konnte ich zu Fuss in einer halben Stunde an einen Brunnen gelangen, der mitten in den Dünen versteckt lag.

Man sitzt auf einer Sanddüne. Man sieht nichts. Man hört nichts. Doch etwas leuchtet in der Stille. «Es macht die Wüste schön, dass sie irgendwo einen Brunnen verbirgt,» sagt Antoine de Saint-Exupérys kleiner Prinz. Wie hat die Wüste auf Sie gewirkt?
Jede Nacht stand ich unter einem unermesslichen Sternenhimmel und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Tagsüber habe ich oft längere Wanderungen in die Dünenlandschaft hinein unternommen. Die eleganten Linien und Kurven dieser Dünen faszinierten mich und weckten zugleich die Frage danach, für welches Auge die Natur eine solche Schönheit hervorbringt. Besonders berührt war ich, inmitten dieser weiten Landschaft immer wieder auf zarte Spuren des Lebens zu stossen: ein Käfer oder ein winziges Blümchen am Fuss einer Düne. Und dann die Stille der Landschaft und die Stille in mir selbst: «Wenn ich über eine lange Zeit einfach nur da sein kann, ohne Gedanken und innere Spaziergänge. Ich muss mich nicht mehr verteidigen, nicht rechtfertigen. Ich muss mich nicht gross machen und nicht klein machen. Ich bin, der ich bin. Und das genügt.»

Haben Sie Schlüsselmomente, Durststrecken, Versuchungen erlebt?
Ein besonders intensiver Moment: Ich stieg noch bei Dunkelheit auf eine Düne, um den Anbruch des Tages zu erwarten. Ich schaute nach Osten, wo das Firmament in tiefem Blau zu leuchten begann. Mein Blick war auf die markante Spitze einer hohen Düne gerichtet. Plötzlich ging genau dort der Morgenstern auf und schwebte auf der Dünenspitze. Dieses wunderbare Zusammenspiel hat mich tief bewegt. Natürlich gab es in der Wüste auch «Durststrecken», etwa wenn ich bei langen Wanderungen zu wenig Wasser dabei hatte – oder wenn es mir langweilig wurde mit dem einfachen Essen, dem Hören auf die inneren Stimmen, dem Gebet. Wichtig war, meinen inneren und äusseren Weg treu weiterzugehen in der Hoffnung, dass mir Gott das schenkt, was ich brauche. Es gab auch Versuchungen, etwa die Frage, ob ich nicht etwas Sinnvolleres tun könnte als in der Wüste zu sitzen und zu beten. Mir ging auf, dass der Sinn des Daseins tiefer liegt als der Sinn des Tuns. Wir sind gewohnt, uns dann als wertvoll zu empfinden, wenn wir nützlich sind. Aber für Gott sind wir wertvoll, weil wir sind – und nicht, weil wir etwas Bestimmtes tun.

Hat sich Ihre Spiritualität in der Einsamkeit der Wüste verändert?
Durch die Stille und die nur wenigen Ablenkungen konnte ich mich meiner eigenen inneren Welt, meiner Geschichte, mit dem Schönen und dem Schweren, mehr zuwenden. Ich spürte eine grosse Dankbarkeit für mein Leben, meine Beziehungen, meine Aufgaben. Im Abstand ging mir auf, wie sehr ich beschenkt bin. Ich glaube, dass die Wüste durch ihre Kargheit einen Raum eröffnet, um mehr nach innen zu gehen.

Die Wüste kommt in der Bibel immer wieder als Flucht- oder Rückzugsort vor, wo man Gott begegnen kann. Ist Gott auch heute noch ein Gott der Wüste?
Gott kann man überall erfahren. Und je nachdem, wo man Gott sucht, kann er mir auch eine entsprechend geprägte Erfahrung schenken. So kann ich Gott zum Beispiel in der Begegnung mit bedürftigen Menschen begegnen, wo meine menschliche Nähe oder meine Hilfsbereitschaft besonders angesprochen sind. In der Wüste kann man der Grösse Gottes begegnen, seiner Weite und Unfassbarkeit. Aber auch seiner Nähe in den kleinsten Dingen und Zeichen des Lebens. Als Rückzugsort kann mir die Wüste helfen, mich von dem Zuviel an Nachrichten, Signalen oder Aufgaben zu lösen und wieder mehr zu mir selber zu kommen.

Interview: Anouk Hiedl

 

 

 

13. November 2018
erstellt von «pfarrblatt» online
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