Ruža Zemp: «Derselbe Glaube wird unterschiedlich gelebt.» Foto: Ruben Sprich

«Wenn ich etwas mache, dann tue ich es gut und gründlich.» Ruža Zemp. Foto: Ruben Sprich

Katechetin mit Leib und Seele

Zwei Generationen lang hat Ruža Zemp Kinder und Jugendliche im Oberaargau auf ihrem Glaubensweg begleitet. Ein Rückblick.

Von Anouk Hiedl


1973 kam die 19-jährige Kroatin Ruža in die Schweiz, um Deutsch zu lernen. Die Coiffeuse lernte gut und wollte mehr über Land und Leute erfahren. So blieb sie länger und lernte 1978 Franz Zemp kennen. Die beiden heirateten zwei Jahre später und zogen nach Langenthal, wo sich Ruža schnell einlebte und integrierte. In den 1980er-Jahren gab sie als mittlerweile dreifache Mutter ehrenamtlich Religionsunterricht. «Im ersten Schuljahr hatten wir damals Gruppen von sechs Kindern, die wir in und um Langenthal bei jemandem zu Hause unterrichteten», erinnert sie sich.

Auf Anfrage des damaligen Langenthaler Pfarrers ist Ruža Zemp Katechetin geworden. Dazu machte sie ab 1994 die ForModula-Ausbildung in Bern. Katechetin geblieben sei sie aus Freude an der Arbeit mit den Kindern, dank den guten Kontakten zu den Eltern und dem angenehmen Arbeitsklima in der Pfarrei. Als ihre eigenen Kinder älter wurden, absolvierte sie den Lehrgang zur Pflegehelferin des Schweizerischen Roten Kreuzes. «Dass mir beides gleich gut gefallen würde, hatte ich nicht erwartet», sagt sie lachend. So blieb sie 16 Jahre lang in der Pflege von alten Menschen und 25 Jahre in der Katechese.

«Die Kinder, ihr Glaube und ihre Fragen sind gleichgeblieben, nicht aber ihre Situation und ihr Umfeld», sagt sie. «Früher waren Vorschulkinder meist mit ihrer Mutter zu Hause. Heute werden viele auch auswärts betreut. Das macht sie offener und früher reif.» Zemp beobachtet auch, dass Glaubensthemen heutzutage häufiger an die Katechese delegiert werden. Das Interesse der Eltern an ihren Kindern sei ungebrochen, heute stellten sie öfter organisatorische Fragen, dies wohl auch, weil der Religionsunterricht seit der Errichtung des Pastoralraums Oberaargau 2016 in Langenthal stattfindet.

Ruža Zemps Religionsunterricht ist im letzten Vierteljahrhundert mit der Zeit gegangen und unter anderem, auch dank den neuen Medien, lebendiger geworden. Die Kinder werden intensiv auf die Sakramente vorbereitet. Auf dem Versöhnungsweg zur Erstbeichte zum Beispiel setzen sich die Viertklässler mit ihrem Verhalten daheim, in der Schule, der Natur und mit Gott auseinander. Ein wohlwollendes Beichtgespräch mit dem Priester rundet diese einjährige Gewissenserforschung ab. Auch die Zusammensetzung von Zemps Religionsklassen hat sich verändert. «Wir sind multikultureller und unser Brauchtum ist diverser geworden. Doch wir haben alle denselben Glauben.»

In ihrer Heimat Kroatien lebte Ruža Zemp unter einem kommunistischen Regime. Kirche und Staat waren strikt getrennt. «Die Priester waren auf die Menschen angewiesen. Sie gingen zu ihnen, nicht umgekehrt.» Gläubige konnten keine politische Karriere machen. So kam es oft vor, dass Väter in der Partei waren und der Taufe ihres Nachwuchses in der Kirche fernblieben. Die Frauen der Familie organisierten meistens mit den Grosseltern das Fest, und «danach feierten auch die Männer, Väter und Priester mit». Es gab wenig Strukturen und viel Offenheit zwischen Serbisch-Orthodoxen und Katholik*innen. «Wir arrangierten uns und konnten es gut miteinander. Die Politik hat es schwierig gemacht.»

Die Gewissheit, dass Gott sie liebt und immer begleitet, hat Ruža Zemp aus dem Kroatien ihrer Jugend hierher mitgenommen. Viele Schweizer*innen aus ihrer Generation trügen das Bild eines strafenden Gottes in sich, der erst nach einer Beichte vergebe. Die öffentlichen, kollektiv gefeierten Gottesdienste hier waren ganz neu für sie und «sehr schön». Trotz aller Veränderungen innerhalb der Kirche ist ihr Vertrauen in Gott gleichgeblieben: «Dieser Kern bleibt, er trägt und gibt Halt.» Sie ist überzeugt, dass es die Kirche braucht, um den Glauben und die Gemeinschaft zu leben.
In dieser Kirche fühle sie sich zu Hause, auch deshalb sei sie Katechetin geblieben. Nun hat sie dieses Kapitel abgeschlossen. Obwohl alles stimmte, habe sie der Pfarrei vor zwei Jahren kommuniziert, dass sie ab 64 mehr Zeit für ihre Enkelkinder haben möchte, denn «wenn ich etwas mache, dann tue ich es gut und gründlich.»


Hinweis:
ForModula - kirchliche Ausführungen mit Modulen

6. März 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 6
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