Thomas Göttin, neuer Geschäftsführer des Politforums Bern, begrüsst zahlreiche Gäste zur Podiumsdiskussion. Foto: zvg/Peter Mosimann

Thomas Göttin im Gespräch mit -Dr. Simon Erlanger, Lehrbeauftragter der Universität Luzern. Foto: zvg/Peter Mosimann

Moderierte den Abend: Journalistin Hannah Einhaus. Foto: zvg/Peter Mosimann

Sein Grossvater war 1938 Jasspartner von Carl Lutz in Tel Aviv: Dr. Simon Erlanger. Foto: zvg/Peter Mosimann

Im Ausweichraum verfolgen weitere Gäste die Diskussion. Foto: zvg/Peter Mosimann

Die Diskussion stösst auf reges Interesse und Applaus. Foto: zvg/Peter Mosimann

Dr. François Wisard, Leiter des Historischen Dienstes des EDA. Foto: zvg/Peter Mosimann

Moderatorin Hannah Einhaus mit ihren Diskussionsgästen. Foto: zvg/Peter Mosimann

Hat als Diplomat in Ruanda den Völkermord an den Tutsi aus nächster Nähe miterlebt: Jaques Pitteloud, Botschafter des EDA. Foto: zvg/Peter Mosimann

Sprach mit Überlebenden der Shoah über seine Erlebnisse in Ruanda: Dr. Jacques Pitteloud, Botschafter EDA. Foto: zvg/Peter Mosimann

Die Podiumsrunde. Foto: zvg/Peter Mosimann

Blick ins Publikum. Foto: zvg/Peter Mosimann

Relativiert das Wirken von Carl Lutz: François Nordmann, ehemaliger Botschafter des EDA. Foto: zvg/Peter Mosimann

Würdigt die grossen Verdienste von Carl Lutz: Dr. François Wisard vom Historischen Dienst des EDA.

Thomas Göttin im Gespräch mit Simon Erlanger und Jacques Pitteloud. Foto: zvg/Peter Mosimann

Das Podium und sein Publikum. Foto: zvg/Peter Mosimann

Rückt Gertrud Lutz-Fankhauser in den Fokus: die Historikerin Dr. Helena Kanyar-Becker. Foto: zvg/Peter Mosimann

Leben retten jenseits der Pflicht

Botschafter und Historiker sprachen im Politforum Käfigturm über Schweizer Diplomaten, die sich über Vorschriften hinwegsetzten, um Menschen vor dem Nazi-Regime zu retten. Dass Völkermorde nicht mit den Nazis untergingen, belegten Erzählungen aus den 1990er-Jahren aus Ruanda oder Srebrenica.

Überwältigt vom grossen Interesse begrüsste Thomas Göttin, der neue Geschäftsführer des Politforums Bern, am 8. Februar 2018 hundert Gäste zur Podiumsdiskussion „Zwischen Vorschrift und Gewissen“ im Berner Käfigturm. Vor ausverkauftem Haus führte die Journalistin Hannah Einhaus mit zurückhaltender Moderation durch den Abend.


Das Grauen kennt viele Namen, aber kein Wort kann die Ermordung von Millionen Menschen sprachlich umfassen: Holocaust aus dem Griechischen bedeutet „völlig verbrannt“. Ha Shoah aus dem Hebräischen steht für Katastrophe, Untergang und Zerstörung. Das armenische Wort Aghet versucht den Völkermord in der Türkei an den Armeniern anfangs des 20. Jahrhunderts zu beschreiben. Itsembabwoko heisst Massaker in der Landessprache Kinyarwanda – die Rede ist vom Genozid 1994 in Ruanda durch Angehörige der Hutu an den Tutsi. Und das bosnische Pokolj wird für den Massenmord an Bosniern vom Juli 1995 in Srebrenica durch die Armee der Republika Srpska und Paramilitärs verwendet.
– Völkermorde sind also nicht als Phänomen einer unaufgeklärten Zeit abzutun. Die Veranstaltung „Zwischen Vorschrift und Gewissen“ thematisierte im neuen Politforum Käfigturm menschliche Abgründe ebenso wie sich selbst vergessenen Mut, der sich dagegen wandte. Auf dem Podium beteiligt waren:

• Dr. Simon Erlanger, Lehrbeauftragter der Universität Luzern
• François Nordmann, Alt-Botschafter, Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA)
• Dr. Helena Kanyar-Becker, Historikerin
• Dr. Jacques Pitteloud, Botschafter EDA
• Dr. François Wisard, Leiter des Historischen Dienstes des EDA

Begleitend wurde die Ausstellung „Beyond Duty“ (Jenseits der Pflicht) im Käfigturm gezeigt, die Diplomaten wie Carl Lutz, Harald Feller oder Ernst Prodolliet und ihren Verdiensten in Budapest, Bregenz und Amsterdam gewidmet war. Im Käfigturm wurden Exponate aus dem Holocaust-Museum Yad Vashem, dem Schweizerischen Bundesarchiv und dem Ungarischen Nationalarchiv gezeigt: Etwa originale Kollektivpässe, die den Mut vieler europäischen Diplomaten sichtbar machten. Sie und ihre Netzwerke retteten jenseits der Vorschriften Menschen, denen der Tod drohte, weil sie nicht in das rassistische Denkmuster der Nazis passten.

Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem (יד ושם für Denkmal und Name) in Jerusalem erhielt ihren Namen nach Jesaja 56,5: „Ihnen allen errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal, ich gebe ihnen einen Namen, der mehr wert ist als Söhne und Töchter: Einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals getilgt wird.“

Die anwesenden Fachleute beleuchteten die Triebfeder und die Aktualität rassistischen Denkens sowie Auswege daraus. Dr. François Wisard von Historischen Dienst der EDA legte dar, dass in Ungarn rund 800 000 Jüdinnen und Juden oder Menschen, die als solche von den Nazis deklariert wurden, lebten. Die eine Hälfte, die in der Provinz lebte, sei der Deportation und Ermordung in Auschwitz nicht entkommen. Die andere Hälfte in Budapest habe sich in Schutzhäuser retten können, erhielten Schutzbriefe oder Palestine-Certificates, die zwar eine Ausreise nach Palästina nicht ermöglichte, jedoch ihre Existenz meist sicherte.

Dank der Verhandlungen mit den deutschen Besatzern und der ungarischen Regierung setzte Carl Lutz die Ausstellung von Kollektiv-Pässen durch, deren Kontingent er trickreich bei weitem überschritt. Wisard betonte, dass Carl Lutz nicht alleine 100 000 Schutzbriefe ausgestellt und sich um die Menschen in Todesangst gekümmert habe. Ein grosses Netzwerk sei vonnöten gewesen: „Als Historiker muss ich alle Beteiligten berücksichtigen!“

In den Fokus rückte die Historikerin Dr. Helena Kanyar-Becker die erste Ehefrau des Vizekonsuls in Budapest Gertrud Lutz-Fankhauser. Sie habe sich weltweit in der Kinderhilfe einen Namen gemacht. Nach ihrer Heirat habe Gertrud ihren Mann 1933 nach Palästina begleitet und in zahlreichen Internierungslagern gewirkt. Bei der Verleihung des Titels „Gerechte unter den Völkern“, der ihr und ihrem Mann im Jahr 1964 in Yad Vashem zuteil wurden, hätten die ungarischen Juden gerufen: „Unser Schutzengel!“ Die Historikerin unterstrich, dass Carl Lutz seine grossen Verdienst ohne seine Frau Gertrud niemals geschafft hätte.

„Mein Grossvater war 1938 Jasspartner von Carl Lutz in Tel Aviv“, verriet Dr. Simon Erlanger, und lockerte damit die Atmosphäre im Raum spürbar auf. Erlanger studierte in Alon Shevut, Basel und Jerusalem Geschichte und Soziologie und arbeitete in den 90er-Jahren in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Heute bekleidet er die Position des Forschungs- und Lehrbeauftragten am Institut für Christlich-Jüdische Forschung an der Universität Luzern.

Man habe in Bern gewusst, was passiert, sagte der Historiker mit Nachdruck. Der Chef der Fremdenpolizei von 1919 bis 1955 Heinrich Rothmund habe Begriffe hierzulande wie „Überfremdungsfaktor“ und „Überjudung“ geprägt. „Es wurden tausende von Menschen an den Grenzen abgewiesen, aber Dokumente gibt es keine mehr.“ räumte Erlanger ein und gab zu Bedenken: „Schätzungen zufolge wurden 30 000 Menschen abgewiesen, die Karteien hierzu wurden nie gefunden.“ Bis 1953 habe es in der Schweiz kein Recht auf Asyl gegeben. Seit der Schlacht von Stalingrad 1943 habe man gewusst, wer den Krieg gewinnt. Vor allem Ostjuden wollte man hier nicht haben, die Einbürgerungsabwehr habe bis in die 1990er-Jahre gedauert.

Als ehemaliger Botschafter unter anderem in Guatemala, Costa Rica, Honduras, Nicaragua, El Salvador und Panama fühlte sich François Nordmann berufen das Wirken Carl Lutz zu relativieren. Man müsse die unterschiedlichen Rechtsformen und Menschenrechtskonventionen in jedem Land berücksichtigen. In Chile unter Pinochet sei die Gefahr vom Militär auf den Strassen ausgegangen. In Südafrika während des Apartheids-Systems sei die Bedrohung durch die staatlich verordnete Vorherrschaft der „Weissen“ und der Rassentrennung erfolgt.

Der ehemalige Geheimdienstkoordinator Jacques Pitteloud, der als Direktor für Ressourcen im EDA auch die Personalführung verantwortet, beeindruckte das konzentriert zuhörende Publikum durch seine persönlichen Erzählungen. Als Diplomat in Ruanda habe er den Völkermord an den Tutsi 1994 aus nächster Nähe miterlebt: „Ich habe mich nie davon erholt“ offenbarte Pitteloud und setzte nach: „Ich habe alle Bücher über dieses Grauen gelesen und kann ihnen trotzdem keine plausible Erklärung liefern“. Er traf sich mit Überlebenden der Shoah und erzählte ihnen von seinen Erlebnissen in Ruanda. „Die alten Menschen fingen dann an selbst über ihre Leiden zu erzählen, weil sie spürten, dass ich mitfühlen kann.“

Er habe passive und feige Menschen dort erlebt oder sich Erklärungen anhören müssen, dass die Tutsi das verdient hätten. Alle hätten versucht ihre Haut zuretten – wenige haben geholfen. „Als ich dann 1995 vor dem Fernseher sass und einen Bericht über Srebrenica sah, wusste ich: Diese Leute werden alle sterben.“ Betroffene Stille breitete sich im Raum aus. Moderatorin Hannah Einhaus fragte in die Runde, welche Art Erinnerungen wichtig seien, um solch unfassbaren Verbrechen zu verhindern? Simon Erlanger erwiderte: „Wir leben in einer geschichtsvergessenen Zeit. Nicht mal mehr das Fach Geschichte gibt es an den Schulen und sei in andere Fächern integriert“, rügte der Historiker das Schulsystem und warnte: „Eine Gesellschaft ohne Geschichtsbewusstsein ist gefährlich!“

„Geschichtsinteresse beschränkt sich nicht auf die Serie ‚Games of Thrones’“, warf Pitteloud ein und erntete Lacher, die ersten an diesem Abend. Es würden eher die dunklen Seiten der Menschen für politische Zwecke ausgenutzt. „Warum hat die Schweiz so viele Probleme über sich selbst zu sprechen?“ wollte ein Gast wissen.

Jacques Pitteloud antwortete sehr persönlich, das sei eine ewige Diskussion mit seiner Frau. Man wolle seine Vorfahren als Helden sehen. Es sei so schwer zurückzuschauen. Er ertappe sich selbst dabei zu rufen „Das stimmt nicht!“, wenn jemand etwas gegen die Schweiz sagt. Ein Gast fragte: „Will der Mensch nicht lernen, oder kann er nicht?“ Jacques Pitteloud erwiderte: „Menschen lernen nur, wenn man sie aufklärt. Doch viele haben zum Lernen keine Chance.“

Christina Burghagen

Die Veranstaltung widmete sich dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar. Die Ausstellung und die Podiumsdiskussion fanden anlässlich des diesjährige Schweizerischen Vorsitzes der International Holocaust Remembrance Allianz in Zusammenarbeit mit der israelischen Botschaft statt. Das Politforum Bern Käfigturm steht seit letztem Jahr unter der Trägerschaft von Stadt, Kanton und Burgergemeinde Bern sowie der beiden Landeskirchen.
Im Westflügel des Bundeshauses befindet sich der Drehpunkt der Schweizer Aussenpolitik, die Leitung des EDA. Hier wurde am 12. Februar 2018 ein Sitzungsraum auf den Namen «Salle Carl Lutz» getauft.

13. Februar 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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