Lebensschule auf 1000 Metern

Wenn Kinder und Jugendliche ihre Ferien im Jubla-Lager verbringen, kommen sie nicht nur mit vielen Erinnerungen nach Hause. Sie erlernen auch wichtige Kompetenzen fürs Leben.


Text und Fotos: Thomas Uhland


Im Berggasthaus Obere Wechten, einsam auf gut 1000 Metern über Meer im Passwang-Gebiet gelegen, ist viel los. Zwar hängt ein Schild «Betriebsferien» an der Eingangstür. Doch im und ums Haus herrscht Hochbetrieb, es wimmelt von Kindern und Jugendlichen. Durch die offene Küchentür schallt «Patent Ochsner» und «Trauffer», lautstark unterstützt vom Küchenteam.

In ein paar Minuten startet hier das Programm. Es ist der dritte Tag des Sommerlagers der Jubla Lyss Biel unter dem Motto «Stress auf dem Olymp». Nach und nach tröpfeln die Kinder aus dem Haus, suchen sich aus dem Haufen Schuhe im Eingang ihr Paar heraus und schlendern zum Spielplatz hinauf. Heute finden die Olympischen Spiele statt, mit Sportarten, die noch auf ihre offizielle Anerkennung warten: Kirschstein-Spucken, Büchsenwerfen oder Ballschleudern mittels Militärblache.

Todmüde und glücklich

Das Warm-up wird von der 20-jährigen Co-Hauptleiterin Laila Fankhauser geleitet. Dehnen, hüpfen, lockerer Laufschritt – die 28 Mädchen und Jungen zwischen 7 und 14 Jahren machen diszipliniert mit. Dass die junge Frau ganz nebenbei wichtige Dinge fürs Leben lernt, merkt sie kaum. «Wer in der Jubla leitet, der plant und organisiert Lager, führt sie durch und wertet sie am Schluss aus. Man führt andere Menschen und übernimmt Verantwortung für sie», sagt Michel Angele, Jubla-Präses und Jugendarbeiter der Pfarrei Maria Geburt in Lyss. «Andere lernen das vielleicht irgendwann in einem teuren Kurs, Jubla-Leiterinnen und -Leiter schon als Teenager.»

Tatsächlich ist auch der andere Hauptverantwortliche, Anaclet Déguénon, gerade mal 20 Jahre jung. «Nach einem Lager könnte ich zwar jedes Mal vor Müdigkeit umfallen, doch ich erinnere mich immer gern zurück», meint Laila Fankhauser. Die Begeisterung der Kinder, das Zusammenleben und die Beziehungen im Team sind der Lohn für die grosse Vorbereitungsarbeit, die Verantwortung und den chronischen Schlafmangel.

Und dann sind da noch diese ganz besonderen Augenblicke, die den Leitenden und den Kindern ein Leben lang im Gedächtnis bleiben. «Die Abende am Lagerfeuer haben etwas Magisches», schwärmt Anaclet Déguénon. Und Michel Angele ergänzt: «In solchen Augenblicken geschieht Spiritualität im Lager.»


Probleme selber lösen

Vor dem Mittagessen ziehen sich die Kinder für ein paar Minuten in ihre Zimmer zurück. Aus dem Mädchenzimmer ist eine lautstarke Auseinandersetzung zu vernehmen. Die beiden Hauptleitenden nehmen es mit einem Schulterzucken zur Kenntnis. Ein paar der Mädchen hätten sich schon am ersten Tag gestritten, aber das sei nicht weiter schlimm. «Bis zum Ende des Lagers arrangieren sie sich dann schon.»

«In einem Lager lernen Kinder, selbstständig und in einem geschützten Rahmen Konflikte zu lösen. Und wenn es nicht geht, sind ja noch die Älteren da», erklärt Sonja Kälin, Doktorandin am Institut für Psychologie der Uni Bern und selber seit vielen Jahren aktive Pfadfinderin. «Sie lernen, andere zu respektieren, denn in einem Lager kommen die unterschiedlichsten Kinder zusammen.»

Deshalb würde sie jedem Kind empfehlen, an Lagern einer Jugendorganisation teilzunehmen. «Sie erleben, dass sie etwas können – für jüngere Kinder sorgen oder ein Zelt aufstellen. Das macht sie selbstbewusst. Zugleich lernen sie damit umzugehen, dass sie anderes weniger beherrschen.» Gerade Kinder, die vielleicht in der Schule etwas Mühe haben, merken, dass sie dafür auf anderen Gebieten stark sind. «Jedes Kind findet seine Nische.»


Jeder wird gebraucht

Das Lager mache Kinder selbstständig, sagt Präses Michel Angele. Viele von ihnen seien noch nie zehn Tage lang von zu Hause weg gewesen. Der Tagesablauf ist strukturiert, die Kinder müssen sich einordnen. Jedes von ihnen hat ein Ämtli zu verrichten, zu essen gibt es, was auf den Tisch kommt. «Im Lager eignen sich die Kinder vieles an, das ich für wichtig ansehe – für sie selber, aber auch für die ganze Gesellschaft», sagt Angele.

Spannend sei auch, wenn Kinder über mehrere Jahre ins Lager kämen, sagt der Präses. Wie sie den Umgang miteinander lernten, wie sie Zusammenhänge im Lagerleben entdeckten: dass hinter dem Programm viel Vorbereitung steckt. Dass es nicht selbstverständlich ist, dass jemand seine Ferien in der Lagerküche verbringt. Dass es zwischen dem Putzämtli und der sauberen Toilette einen Zusammenhang gibt.

Wie sich das Bewusstsein der Kinder für ihre Verantwortung über die Jahre entwickel, hat auch Sonja Kälin entdeckt. Während viele junge Menschen nur um sich selber kreisen, erfahren die Kinder im Lager, dass dieses nur dann funktioniert, wenn jeder etwas beiträgt und Verantwortung übernimmt, sagt die Pfadfinderin. «Sie lernen, von sich selber weg und zu den anderen zu schauen.»

 

Jubla Lyss-Biel

8. August 2018
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 33-34
  • Pfarrblatt / Angelus
  • Soziales