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Liebe, konkret

Meine Grossmutter war eine kleine, runde Frau. Ihre Herzlichkeit war unübertroffen, ihre innere Ruhe durch nichts zu erschüttern.Ihr Mann und sie waren einfache, arme Leute: er Schuster, sie Hausfrau. Sie arbeiteten hart. Am Abend spielten sie Halma. Als sie endlich ein wenig Sicherheit und Wohlstand erreicht hatten, starb mein Grossvater. Trotz der Trauer blieb meine Grossmutter sich und ihrer Liebe zu den Menschen treu. In ihrer Nähe spürten wir Enkel fast körperlich, dass sie sich freute, weil es uns gab. Wir liebten sie. Jeder von uns hatte es ab und zu einmal schwierig mit den Eltern – aber mit der Grossmutter? Nie. Alle Leute im Dorf kannten und grüssten sie. Sogar die Jugendlichen, die auf ihren frisierten Mopeds durch die Strassen knatterten, nickten ihr zur Begrüssung kurz zu. Meine Grossmutter nannte sie nicht «Jugendliche», sondern «Halbstarke». Aber da klang nichts Abwertendes mit, vielmehr Respekt.

Ihre süsssauren Essiggurken waren so legendär wie ihre Bratensaucen. Die Zutaten holte sie aus dem geliebten Garten. Der war wild und schön und roch intensiv. Da wuchsen Bohnen, Kohlrabi, Fenchel, Kräuter, Blumen, Obstbäume, Kartoffeln. Am Sonntagnachmittag gab es Kaffee und Kuchen.

Einige Jahre vor ihrem Tod wurde sie dement. Es fing ganz langsam an: Sie vergass Termine und Orte, sie verwechselte Geburtstage und Vornamen. Aber die Einladung zum Sonntagskaffee – die hielt sie noch jahrelang aufrecht. An einem dieser Sonntage stimmte etwas mit dem Apfelstrudel nicht. Wir brauchten einen Moment, bis wir erkannten, was es war: Sie hatte Curry statt Zimt genommen. Farblich kein grosses Problem, geschmacklich aber schon. Der Kuchen schmeckte katastrophal. Normalerweise hätte man ein Stück probiert und dann dankend zurückgegeben. Aber was passierte? Keiner liess sich etwas anmerken. Wir alle assen unser Stück auf. Keiner verzog eine Miene. Niemand lachte. Meine Grossmutter merkte nichts. Sie war so glücklich, dass alle da waren; sie war so beschäftigt, Kakao zu kochen und Kaffee nachzuschenken, dass der Kuchen aufgegessen war, bevor sie selbst ein Stück probieren konnte.

Damals habe ich etwas darüber gelernt, was Liebe heisst: Die Liebe ist praktisch. Sie ist verlässlich. Sie braucht nicht viele Worte. Sie lacht niemanden aus. Sie sieht das Potenzial. Sie rechnet nicht beim Geben. Sie hat schrundige Hände. Sie legt den Finger nicht in die Wunde. Sie verzeiht grosszügig. Sie darf auch einmal etwas vergessen.

Hubert Kössler 

Gedanken aus der Spitalseelsorge im Überblick

6. Februar 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 4
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