Eine traumhafte Szenerie: Maria zum Schnee auf der Bettmeralp mit den herrlichen Bergspitzen im Hintergrund. Foto: aletscharena.ch

«Maria zum Schnee»

Die barocke Kapelle Maria zum Schnee ist das weithin sichtbare Wahrzeichen der Bettmeralp im Aletschgebiet. Sie ist ein überaus beliebtes Fotosujet, tausendfach auf Postkarten verewigt. Die Kapelle steht auf der Messfluh, einer erhöhten Stelle auf felsigem Hügelrücken. Maria im Namen, das reizt den Namensforscher.

Von Angelo Garovi


Der Name «Maria zum Schnee» geht sicher primär auf die Tatsache zurück, dass die Kapelle öfters, vor allem im Winter, in Schnee gehüllt ist. Es klingt aber auch im Namen die alte, tradierte römische Legende mit, wonach eine der grossen Marienkirchen in Rom, Santa Maria Maggiore, aufgrund eines «wunder»-baren Schneefalls im August erbaut worden sei und deshalb Santa Maria della Neve geheissen wurde.

Der Schnee im sommerlichen Rom – damit wird das Wunder besonders unterstrichen – soll in einem Traum dem Papst und einem römischen Patrizier den Ort für den Bau einer Marienkirche angezeigt haben. Die Legende erzählt, dass am Morgen des 5. August die höchste Erhebung des Esquilinhügels weiss gefärbt von Schnee gewesen sei. Papst Liberius (352–366) liess daraufhin auf dem Esquilin eine Kirche bauen, die 432 nach dem Marienkonzil von Ephesus von Papst Sixtus III. in der heutigen Form erbaut wurde.

Maria im Namen – ein Thema, das einen früheren Namenforscher reizen muss. Der Innsbrucker Bischof Manfred Scheuer sagte in einer Predigt in der Benediktinerabtei Sankt Georgenberg: «Maria ist in allen Ländern ganz zu Hause. Jede Region unseres Landes hat ihre Marienorte, jedes Land hat seine Marienheiligtümer.»

Der Rechtshistoriker Louis Carlen, früher Professor in Innsbruck und Fribourg, hat die Bedeutung der Maria im Recht, in Staat und Kirche (beispielsweise als Stadt- und Landespatronin, auf Münzen, Briefmarken), in einer interessanten Publikation «Maria im Recht» nachgewiesen. Bekannt sind in seiner Schweiz die Marienorte Maria Einsiedeln, Mariastein, Madonna del Sasso (Orselina) sowie die Marien- und Liebfrauenkirchen.

Allüberall Maria im Namen
Der Marienkult ist bereits im frühen Christentum in Ephesus (Wohnhaus der Maria) und in Rom (älteste Mariendarstellung mit Kind in der Priscilla-Katakombe) überliefert. Die grösste und älteste Marienkirche ist die oben erwähnte Kirche Santa Maria Maggiore mit einem der ältesten Marienbilder in der Apsis (Mosaik).
Wie die vielen Marienkapellen mit dem Zunamen «im oder zum Schnee» in den Alpen (so auch in Schwarzsee/Zermatt, Tschuggen/Davos, Breitfeld/Lungern, Rigi-Klösterli: Caplutta Nossa Dunna delle Neiv/Schlans usw.) schön zeigen, verweisen die Namen der Marienheiligtümer oft auf Orte, wo eine Kapelle oder Kirche steht, oder auf den Ursprung und die Art der Verehrung (Mariahilf, Mariatrost).

Die auffällige Lage der Marienorte klingt an in Namen wie Maria am Wasser, Maria am Gestade, Maria im Grünen, Maria in den Tannen, Maria im Moos, Maria Dreibrunnen, Maria Siebeneich, Maria in der Erlen, Maria im Schatten, Maria im Wald, Maria im Felsen, Mariastein, Madonna della Fontana, Madonna del Sasso und in anderen wie etwa Fraubrunnen.

Am Ort der Verurteilung
Eine interessante Kirchenbezeichnung war der Name einer Kirche in Jerusalem: St. Maria Alemannorum. Im jüdischen Viertel in der Altstadt Jerusalems, in der Nähe der Klagemauer, steht nämlich die Ruine dieser alten «Deutschen» Marienkirche. In der Zeit der Kreuzfahrer wurde im 12. Jahrhundert ein «deutsches Haus» als Hospiz für Pilger in Jerusalem gegründet mit einer der Heiligen Maria geweihten Kirche. Wie so oft im Heiligen Land, ist jedes Fleckchen Erde geschichtsträchtig.
Auch aufgrund neuerer archäologischer Forschungen nimmt man an, dass an dieser Stelle das in neutestamentlichen Quellen überlieferte Prätorium stand, in dem der römische Statthalter Pontius Pilatus Recht sprach. Nach christlicher Lokaltradition (bereits im 4. Jahrhundert belegt) wird hier, wo heute die Ruine der Kirche St. Maria Alemannorum steht, die Verurteilung Jesu geschehen sein – ein wahrlich historischer Ort.

Wenig beachtet Marienorte, Marienheiligtümer mit ihren vielfach erklärenden Ereignisnamen (und Sagen) sind ein Thema, das bisher wenig beachtet wurde. Eine (volkskundliche) Publikation über die Namen der Marienorte fehlt. Kardinal Christoph Schönborn, der in Fribourg Professor für Dogmatik war, sagte in einer Marienpredigt: «Schauen wir auf die Orte, an denen Maria wirkt, wo sie wirkt, für wen sie wirkt.»

10. Januar 2018
erstellt von «pfarrblatt»
  • Pfarrblatt / Angelus
  • Spirituelles
  • Bildung