Mehr Mut beweisen und das Steuer selber übernehmen. Foto: Samuel Zeller on Unsplash

Mehr Mut beweisen

Nhora Boller, Schweizerin mit kolumbianischen Wurzeln, plädiert in ihrem Gastbeitrag zum 1. August dafür, dass wir uns alle mehr engagieren, mehr einmischen und einbringen sollen: In der Politik, in der Gesellschaft und in der Kirche.

Mit 20 Jahren war für mich das Quartier in der Stadt Cali in Kolumbien, wo ich gelebt habe, meine ganze Heimat. Der Mittelpunkt war das Elternhaus, wo Familie und Freunde sich trafen, wo man sich gegenseitig unterstützte, wo wir zusammen lachten und weinten. Ich kannte alle Nachbarn mit Namen, man grüsste sich im Vorbeigehen. Ich besuchte mindestens einmal pro Monat die Heilige Messe: Den siebenminütigen Weg zur grossen Kirche ging man immer mit vielen Familienmitgliedern und Bekannten.

Ich war mir meiner Privilegien bewusst, auch weil ich mich als Freiwillige für das Wohl von Waisenkindern engagierte. Ich hatte eine Ausbildung, Arbeit, gute Gesundheitsversorgung, Freude am Leben. Ich hatte eine Zukunft.

Nun wohne ich seit 29 Jahren in der Schweiz. Hier lache und weine ich jetzt mit Verwandten und Freunden. Heute grüsse ich hier alle Nachbarn beim Namen und treffe viele davon in der Kirche. Jetzt bin ich hier ehrenamtlich aktiv. Hier habe ich Freude am Leben. Die Schweiz ist meine Heimat geworden, und meine persönliche Reife und mein Verlangen nach Harmonie und Wertschätzung verbinde ich heute mit schweizerischen Werten. Trotzdem frage ich mich: Bin ich eine gute Schweizerin? Bin ich eine gute Christin? Gib es da einen Unterschied?

Mir ist bewusst, dass ich mich in vielem verbessern kann. Als Christin und Schweizerin stelle ich jedoch häufig fest, dass christliche Werte bei politischen Entscheidungen häufig kein Maßstab mehr sind. Dies, obwohl ich mir sicher bin, dass die Mehrheit aller Schweizer Politiker und Politikerinnen einer christlichen Konfession angehört. Ich denke, wir Christen sollten uns mehr in die Politik, in die Belange im Quartier, im Dorf oder in der Stadt einmischen. Wir sollten daran arbeiten, dass die Kirche zu guten Lösungen beiträgt.

Als Katholikin sind mir Symbole sehr wichtig, sie geben mir Geborgenheit. Im Zusammenhang mit der Schweiz kommen mir natürlich nationale Symbole in den Sinn, die Schweizerfahne, der Schweizerpsalm, Wilhelm Tell, das Alphorn, das Matterhorn, das Engadin, das Schwingen, das Hornussen. All diese «Traditionen» sind Teil meiner Heimat. Leider sind auch viele davon von Männern dominiert. In der Kirche ist es nicht anders. Vielleicht müssen wir Katholiken deswegen einfach mehr Mut beweisen?

Um mit dem Rest der Welt mitzuhalten, wird hierzulande viel in Bildung und Forschung investiert. Das ist gut, Fortschritt muss aber auch in der Gesellschaft und im Zusammenleben gesehen werden, ich denke da an Ökumene und interkulturelles Zusammenleben. In der Kirche haben wir Impulse zu geben, Dankbarkeit zu zeigen und uns den Herausforderungen zu stellen. Auch beim Rütlischwur bewies man Mut. Einen schönen 1. August!

Nhora Boller, Sekretärin der Misión Católica de Lengua Española de Berna

27. Juli 2017
erstellt von «pfarrblatt»