Der goldene Ring und das gemeinsame Haus mit der offenen Tür. Im Zentrum des Hungertuchs steht die Zusage Gottes. Foto: Dieter Härtl, Misereor

Der Künstler trägt Erde aus dem Garten Gethsemane in einem feuchten Brei auf. Foto: Dieter Härtl, Misereor

Neben Erde, Holz und Edelstahl verwendet Uwe Appold bei seiner Arbeit auch Blattgold. Foto: Dieter Härtl, Misereor

«Mensch, wo bist du?»

Uwe Appold lässt sich als Maler und Bildhauer schwer einordnen. Für das Hungertuch von Fastenopfer und Brot für alle beschaffte der deutsche Künstler Erde aus dem Garten Gethsemane. Eine ungewöhnliche Aktion für ein ungewöhnliches Werk.

Von Stephan Richter


Wie kam es zu diesem Sujet?

Uwe Appold: Ich las in «Laudato Sì», der zweiten Enzyklika von Papst Franziskus aus dem Jahr 2015. Darin schreibt er vom «gemeinsamen Haus», in dem die Menschheit zur Schicksalsgemeinschaft verschmilzt: Der Klimawandel, die Folgen der Umweltzerstörung, die soziale Ungerechtigkeit, der Hunger, die Kriege – das betrifft uns alle. Wir leben auf der Erde unter einem Dach. Da hilft auch keine Abschottungspolitik.

Ein stilisiertes Haus steht im Mittelpunkt, umgeben von einem grossen, goldenen Kreis. Hätte nicht ein zerstörtes Haus besser den aktuellen Zustand der Zivilisation beschrieben?

Wohl wahr. Aber Glauben verbinde ich mit Hoffnung. Die christliche Botschaft will Mut machen. Mein Werk mag ein kleiner Beitrag dazu sein. Ich beobachte in der Gesellschaft einen wachsenden Vertrauensverlust in die Institutionen, in uns selbst. Wer die Hoffnung nicht verliert, wird sich behütet fühlen. Deswegen der goldene Kreis um das Haus.

Das Haus auf Ihrem Werk hat eine grosse Öffnung. Warum?

Weil es nicht fertig ist. Die ganze Menschheit muss weiter daran arbeiten. Es ist zugleich offen für alle. Es gibt keine Abschottung, kein Verschliessen der Augen und der Ohren. Wir sehen nicht nur nach draussen, wir hören auch nach draussen, lauschen den Rufen der geschundenen Menschen und der Natur, uns erreicht der stumme Schrei der Erde.

In die Farbe ist Erde aus dem Garten Gethsemane eingearbeitet. Wie entstand diese Idee?

Die Erde, die ich seit vielen Jahren in zahlreichen Bildern verarbeitet habe, erzählt wie kein anderer «Werkstoff» Geschichte. Worte wie «Mutterboden» oder «Vaterland» deuten die Verbundenheit an. Erde bedeutet zugleich Heimat … Erde aus dem Heiligen Land, dort, wo die Wurzeln der Christenheit liegen, schien mir bei dem Hungertuch-Werk naheliegend zu sein. Im Garten Gethsemane begann das ganze Ostergeschehen, das der Fastenzeit mit dem Hungertuch folgt.

Steht das majestätische Blau auf Ihrem Bild für die Weltmeere?

Es steht für so viel. Natürlich das Meer. Blau gilt aber auch als Farbe des Glaubens und der Zuverlässigkeit. Es wird mit Mediation und Ferne oder mit dem Weltraum assoziiert. Im Kapitel 12 der Johannes-Offenbarung wird von der Himmelskönigin gesprochen, die einen blauen Mantel trägt. Sie ist Vermittlerin zwischen Menschen und Gott. Unter diesem Blickwinkel bekommt die «Mutter Erde» eine ganz andere Bedeutungsebene.

Auf Ihrer Vorlage fürs Hungertuch sind keine Menschen zu sehen. Haben Sie sie vergessen?

Nein, nein. Das hängt mit dem Titel des Bildes zusammen. Er lautet: «Mensch, wo bist du?» Ich erinnerte mich an ein Gespräch mit einem Rabbiner, dessen gesamte Familie in der NS-Zeit von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Er sagte mir, dass wir angesichts solcher Verbrechen die falsche Frage stellen. «Gott, wo bist Du?», werde gefragt. Dabei – so der Rabbiner – sollten wir die Verantwortung bei uns selbst suchen. Entsprechend müsse es heissen: «Mensch, wo bist du?»

 

Hungertücher früher und heute
Im Mittelalter wurden die Altäre während der Fastenzeit mit Tüchern bedeckt. Diese Tradition wurde neu belebt. Seit 1976 sind die Hungertücher Teil der ökumenischen Kampagnen der Hilfswerke Fastenopfer und Brot für alle und illustrieren Themen wie Solidarität und Gemeinschaft.

6. März 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 6
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