70. Ausgabe des Locarno-Filmfestivals. Alles ist Kino. Foto: greycoast / photocase.de

Der Eröffnungsfilm: «Demain et tous les autres jours» der Französin Noémie Lvovsky. Foto: zVg

«Goliath» von Dominik Locher. Foto: zVg

«Finsteres Glück» von Stefan Haupt. Foto: zVg

«Wajib» von Annemarie Jacir. Foto: zVg

Mit religiösen Augen in Locarno

Mit dem 70sten Locarno Festival feiert die Schweiz vom 2. bis 12. August 2017 einen Höhepunkt des kulturellen Kalenders. In dem reichhaltigen Programm gibt es spezielle Filme, die sich für ein sozial engagiertes und religiös interessiertes Publikum besonders lohnen. Ein Überblick.

Charles Martig, kath.ch

Im Film sind es die alltäglichen Geschichten mit ihren existentiellen, sozialen und politischen Fragen, die zählen. Damit werden auch religiöse Fragen selbstverständlich zum Thema, auch wenn sie nicht immer explizit ausformuliert oder gezeigt werden. Filmfestivals sind demzufolge auch ein Ort des Glaubens.

Vielversprechend ist bereits der Eröffnungsfilm «Demain et tous les autres jours» der Französin Noémie Lvovsky. Sie erzählt von einem Scheidungskind. Mathilde ist neun und lebt allein mit ihrer Mutter, die ein fragiles Wesen an der Grenze zum Wahnsinn darstellt. Welche Schwierigkeiten dies für Mathilde bringt und warum sie ihre Mutter liebt, ist an der Weltpremiere des Dramas zu erleben.

David und Goliath – Männerbild auf dem Prüfstand

Besondere Erwartungen weckt auch der Schweizer Beitrag im internationalen Wettbewerb. «Goliath» von Dominik Locher erzählt von einem jungen Mann, David, der bald Vater wird. Dabei gerät er nach einem tätlichen Angriff auf seine Freundin und ihn in eine Krise.

Er beginnt mit Krafttraining und Stereoiden seinen Körper aufzubauen und sein verlorenes Selbstvertrauen zu suchen. Dabei wird er selbst zur Gefahr für die junge Mutter, Jessy, und das ungeborene Kind. Nicht nur wegen seiner Anlehnung an das Bild von David und Goliath ist der Film interessant. Lochers Porträt ist ein Beitrag zum Männerbild in unserer Gesellschaft, das in einer Situation der Verflüssigung und Verunsicherung neue Wege der Selbstbestätigung sucht.

Blick in den Alltag von Nazareth

Wer eine spannende Geschichte aus dem heutigen Nazareth sehen möchte, schaut sich in Locarno «Wajib» von Annemarie Jacir an. Der Verleiher «trigon-film» bringt diesen 2018 in die Schweizer Kinos. Er ist bereits jetzt in einer Weltpremiere im Tessin zu sehen. Nach Angaben von «trigon» geht es um den Architekten Shadi, der nach langem Aufenthalt in Rom an seinen Heimatort Nazareth zurückkehrt.

Er soll seinem Vater dabei helfen, die Einladungen zur Hochzeit seiner Schwester persönlich zu überbringen. Die Familienmitglieder haben sich durch die lange Abwesenheit Shadis voneinander entfremdet. Auf einer Reise werden sie auf die Probe gestellt. «Wajib» konkurriert im Wettbewerb um den Goldenen Leoparden und den Preis der Ökumenischen Jury.

Willkommen in der Schweiz

Im Panorama des Schweizer Films wird eine Auswahl von wichtigen Filmen der letzten zwölf Monaten gezeigt. In dieser Sektion lohnt sich «Finsteres Glück» von Stefan Haupt. Der Spielfilm wurde von der Katholischen Kirche im Kanton Zürich unterstützt. Haupt geht von einem Kinderschicksal aus und wählt als Ausgangspunkt eine Sonnenfinsternis als Metapher für die Befindlichkeit des Buben.

Bei den Schweizer Filmen ist zudem auch Sabine Gisigers Dokumentarfilm «Willkommen in der Schweiz» zu empfehlen. Ausgehend von den Ereignissen in Oberwil-Lieli erzählt der Film gleichnishaft von der Schweiz in Zeiten der sogenannten Flüchtlingskrise.

Blick in die Filmgeschichte – Godard und Polanski

Eine Sensation stellt die Vorführung eines bisher unbekannten Films von Jean-Luc Godard aus dem Jahr 1986 dar. «Grandeur et décadence d’un petit commerce de cinéma» verspricht eine Selbstreflexion auf das Kino aus Sicht von Godard. Christian Jungen von der NZZ am Sonntag hat ihn bereits vor dem Festival gesehen und spricht von einem «Meisterwerk». Wer sich also von der avantgardistischen Filmsprache nicht abschrecken lässt, kann mit «Grandeur et décadence» eine Entdeckung machen.

Ein besonderer Anlass ist zudem die Reprise des Films «The Pianist» von Roman Polanski. Sein Hauptdarsteller Adrien Brody wird mit dem Leopard Club Award ausgezeichnet. Aus diesem Anlass wird das Holocaust-Drama erneut gezeigt. Der Film erzählt die Geschichte eines Klavierspielers im Warschauer Ghetto. Der Virtuose Wladyslaw Szpilman gibt eines seiner beliebten Konzerte am polnischen Radio. Plötzlich schlägt eine Bombe der deutschen Wehrmacht ein und zerstört den Sender.

Damit ist der Musiker (Adrien Brody) am Anfang seines Leidensweges durch das Warschauer Ghetto. Er wird dort mit seiner Familie eingesperrt, erleidet Demütigungen und Qualen als Zwangsarbeiter. Es gelingt ihm jedoch, der Deportation zu entkommen und den Krieg in wechselnden Verstecken zu überleben.

Roman Polanski knüpft an eigene Kindheitserfahrungen an: Als Überlebender des Krakauer Ghettos und des Warschauer Bombardements wollte er schon lange einen Film über dieses schreckliche Kapitel der polnischen Geschichte drehen. Der Film sollte aber nicht autobiographisch sein. Mit den Memoiren von Szpilman, der seine Erinnerungen unmittelbar nach dem Krieg niedergeschrieben hat, stiess Polanski auf den geeigneten Stoff. Der Regisseur hat daraus einen sehr menschlichen und versöhnlichen Film gemacht, der sich stark am Production-Design von «Schindlers Liste» orientiert.

Einen eigenständigen Weg geht er in der Erzählperspektive. «The Pianist» bleibt nicht auf der Ebene der Identifikation mit den Opfern stehen, sondern wählt eine mittlere Distanz. Diese teilnehmende Beobachtung besonders im zweiten Teil bildet die grosse Stärke des Films – eine filmische Geschichtsschreibung, die bleibende Erlebnisse vermittelt und lange nachwirkt.

Joachim Valentin ist Präsident der Ökumenischen Jury

Am 70. Locarno Festival wird die Ökumenische Jury der Kirchen einen Film aus dem internationalen Wettbewerb auszeichnen. Präsident ist der Theologe und Filmexperte Joachim Valentin aus Frankfurt. Er ist Direktor des Haus am Dom und Mitglied der «Forschungsgruppe Film und Theologie».

Ökumenische Jury in Locarno
Seit 1973 gibt es in Locarno eine ökumenische Jury, die den internationalen Wettbewerb begutachtet. Präsident ist Joachim Valentin aus Frankfurt, der als Leiter des Hauses am Dom und langjähriges Mitglied der «Forschungsgruppe Film und Theologie» sein Wissen und seine Juryerfahrung einbringt. Zudem besteht die Jury aus Monique Beguin (Frankreich), Arielle Domon (Frankreich), Lukas Jirsa (Tschechische Republik), Robert K. Jonston (USA) und Rinke van Hell (Niederlande).

Es geht bei der Juryarbeit nicht primär um moralische Bewertungen. Vielmehr besteht die Aufgabe der Jury darin, die Kunst der Unterscheidung einzuüben. Es geht darum Filme zu finden, die eine bestimmte Qualität ausweisen, die andere nicht haben. Aus dem internationalen Wettbewerb von rund 20 Filmen wird ein Film ausgewählt. Dabei geht es um die hermeneutische Grundhaltung der Unterscheidung: alles zu sichten und eine Auswahl für den eigenen Glauben zu treffen. Im Zentrum steht die Frage: Was lernen wir hier? Damit werden Filmfestivals für die Kirchen zu einem exzellenten Bildungsraum.

Offizielle Webseite Locarno Festival: www.pardo.ch

Weitere Infos zur Ökumenischen Jury: www.inter-film.org

3. August 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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