Abkühlen, bevor Überhitzung droht. Foto: Marie Maerz / photocase.de

Musse ist ein Muss

Ich habe eine heimliche Vorliebe für selten gewordene deutsche Wörter und Satzkonstruktionen. Höre oder lese ich von einer «Augenweide» oder einem «Naseweis», so freue ich mich wie ein Schneekönig. Einige Wörter geraten mit der Zeit wohl einfach aus der Mode, und andere drohen mit dem zu verschwinden, was sie bezeichnen.

Dazu zählt wohl die Muße: dieser angenehme Zustand der Zwanglosigkeit, die frei genutzte Zeit, die einfach für sich selbst da ist, bar jeder Arbeit und Sorge, in der die Seele baumeln und der Gedanke sich frei entfalten kann. In Deutschland wird das Wort noch mit ß geschrieben, damit ist der Unterschied zum Müssen gleich markiert.

Zu Zeiten der Antike noch als hohes, erstrebenswertes Gut geltend, geriet die Muße spätestens in der industrialisierten Welt unter Verdacht: «Müßiggang ist aller Laster Anfang» heisst es seither, und heute «chillt» man nur noch, das heisst wörtlich, man kühlt ab (um nicht zu überhitzen). Inzwischen steht ausserdem das tragikomische Wort «Freizeitstress» im Duden: Es bezeichnet die zunehmend verbreitete Not, auch die unbezahlte Zeit möglichst effektiv zu nutzen.

Ganz unzeitgemäss erscheinen da der Sonntag beziehungsweise der Sabbat. Mir imponiert besonders, welchen Stellenwert der wöchentliche Ruhetag bis heute im Judentum hat. Natürlich kann man über spezielle Lichtschalter und Sabbat-Lifte schmunzeln. Aber eigentlich ist doch beachtlich, wie konsequent Juden einen Tag in der Woche von Arbeit, Fernsehen und WhatsApp frei halten und ihn dafür ganz der Familie, dem Gebet, einer guten Lektüre oder der Natur widmen. Die Freizeit dient nicht dazu, sich für die Arbeitswoche wieder fit zu machen, sondern sie ist das eigentliche Leben, gar ein Vorgeschmack auf das Paradies.
Das biblische Gebot des Ruhetages bezieht sich übrigens nicht nur auf das Schöpfungswerk, sondern auch auf die Befreiung aus der Knechtschaft: Die, welche einst nonstop arbeiten mussten, sollen sich jetzt als freie Menschen gefälligst echte Freizeit nehmen. In Kurzform: Muße ist ein Muss!

 

«Wir nehmen uns die Zeit» im Überblick

 

 

 

 

Jonathan Gardy 27, wuchs im Ruhrgebiet auf. Im aki Bern kam zur Frankophonie eine manifeste Helvetophilie. Seit 2017 lernt und wirkt der Theologe in der Pfarrei Guthirt bei Bern.

 

 

13. Juni 2018
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 25-26
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