Franz X. Stadelmann Foto: Jürg Meienberg

Natur produziert keinen Abfall. Von einer neuen Werte-Kultur

Der Grosse Kirchenrat der römisch-katholischen Kirche Region Bern zeigt sich umweltbewusst. Er hat einem Postulat von Franz X. Stadelmann, St. Josef Köniz, stattgegeben, das eine nachhaltige Verstärkung des ökologischen Handelns in Bau, Finanzen und Unterstützung der Pastoral fordert. Ein Gespräch mit dem Postulanten.

«pfarrblatt»: Warum engagieren Sie sich für die Ökologie?

Franz X. Stadelmann: Zur Begriffsklärung. Ökologie ist eine Wissenschaft, die des Naturhaushalts. Mein Engagement verstehe ich in Bezug auf die Lebensgrundlagen für alle Lebewesen, speziell die Menschen, überall auf der Welt und für die künftigen Generationen. Ich habe drei Hauptmotivationsgründe:

  1.  Freude an der Natur. Naturerfahrungen, die ich vom Buben bis jetzt zum Grossvater mit
     beobachtenden, begeisterungsfähigen Enkelkindern erfahren durfte und darf. 
  2.  Erkenntnisse als forschender Naturwissenschaftler. Ich war spezialisiert auf Agrarökologie,
     Landwirtschaft und Umwelt. Für diese Themen war ich vor allem beim Bund in verschiedenen
     Funktionen engagiert.
  3.  Der dritte Grund ist tieferliegend, er ist religiös. Als Christ, so meine Meinung, trägt man für die
     Schöpfung Verantwortung, für alle unsere anvertrauten, geschenkten Ressourcen.

 

Wie war das als Kind? Welche Freude erlebten Sie konkret?

Sehr stark prägte mich mein Vater. Er war ein Verdingbub. Als ich auf die Welt gekommen bin, war er Knecht. Als ich vier Jahre alt war, konnte er im Luzerner Hinterland ein kleines Heimetli erwerben. Ich erlebte, wie er die Hypotheken bezahlen und die Schulden abtragen musste. Er schlug dafür im Wald jeweils Tannen. Dafür pflanzten wir junge. Ab fünf musste ich um fünf am Morgen aufstehen und als Ältestes von acht Kindern im Feld und Stall helfen. Beim Grasmähen in der Morgenfrische erlebte ich viel. Ich erinnere mich an einen Vogel, ein Rotbrüstchen, dem gab ich sogar einen Namen, Adelia. Er flog jeden Morgen zu mir, ich kommunizierte mit ihm.

Sie sprachen mit Tieren?

Viel bescheidener als mein Vorbild Franz von Assisi. Aber immerhin: So half ich etwa Mutterschweinen unzählige Male bei der Geburt ihrer Ferkel mit. Ein sinnlich bewegendes Erlebnis. Man kannte die Tiere. Jedes hatte seinen Namen. Geburt und Sterben waren auf dem Hof eine Selbstverständlichkeit. Eine Katze, die starb, vergruben oder verbrannten wir nicht, sondern gaben sie auf den Mist. Sie wurde so im eigentlichen Sinne rezykliert und half den Boden düngen. Überhaupt gab es bei uns keinen Abfall. In der Natur ist das immer so. Natur produziert keinen Abfall. Abfall, Abluft, Abwasser, Abwärme sind eigentlich ganz schlechte Begriffe – sie insinuieren «Aus dem Auge aus dem Sinn». Das sind aber alles Stoffe, Wertstoffe und Energie. Es geht also um eine andere Einstellung zur belebten und unbelebten Materie. Ich lernte die Vielfalt und Schönheit der Natur kennen - Tiere, Blumen, Wald.

Das frühe harte Arbeiten verleidete Ihnen nie?

Nein, erstaunlicherweise nicht. Vielleicht einfach ein Glück, eine persönliche Veranlagung. Ich hatte Wald, Land und Stall immer lieber als die Stadt. Mich interessierte die Vielfalt, die Gerüche von Böden, Pflanzen, Tieren, Bäumen. Als Ältester erlebte ich auch meinen Grossvater noch in der Natur. Wir fischten und sammelten oft gemeinsam Pilze. Ich lernte von ihm die Bedingungen kennen, wo welche Pilze wuchsen. Schatten, Feuchtigkeit, Bodenbeschaffenheit, Nachbarspflanzen, spielen dabei eine Rolle. Dieses wunderbare Vernetzsein prägte mich stark.

Die Natur kann auch bedrohen.

Das erlebte ich natürlich auch. Die Natur ist viel stärker als wir. Ich erlebte Überschwemmungen, heftige Gewitter. Die Kühe im Stall standen unter Wasser. Dann aber auch Trockenheit und Engerlingsplagen. Auf zwei Dritteln des Landes hatten wir in einem Jahr keinen Ertrag mehr. Ich erlebte unsere Grenzen. Es löste ein Reflektieren über Demut, Bescheidenheit aus.

Diese Faszination war der Grund, dass Sie in die Wissenschaft gingen?

Das spielte eine Rolle und mein Biologielehrer Pater Johannes Heim. Er feierte gelegentlich mit mir allein die Frühmesse am Morgen um vier Uhr in einer Geschwindigkeit, die seinesgleichen suchte, damit wir es rechtzeitig ins Nuolenerried schafften. Dort beringte ich mit ihm in aller Frühe Kiebitze, lernte den differenzierten Gesang der Vögel kennen und staunte über ihre Fähigkeit, die Farben ihrer Eier der Umgebung anzupassen. Ich war von all diesen Phänomenen so «angefressen», dass ich später Naturwissenschaften studierte. Pater Johannes erzählte auch von der Evolution. Ende der 1950er Jahre war das Thema in der katholischen Kirche tabu. Es galt der Schöpfer mit seiner siebentägigen Schöpfungsgeschichte. Pater Johannes zeigte uns Millionen Jahre alte Versteinerungen. Sieben Tage reichten nicht hin. Unser Dorfpfarrer wollte mich aus diesem Grunde wieder auf den ‹richtigen Weg› bringen. Nach einem Gespräch über meine Zukunft, predigte er am darauffolgenden Sonntag mit Vehemenz gegen die Evolution.

Liess Sie das nicht an der Kirche zweifeln?

Damals war es in, dass ein Naturwissenschaftler fast selbstverständlich Atheist wurde. Eine Brücke war für mich dann die Lektüre des Theologen Theilhard de Chardin, der Theologie und Naturwissenschaften verband und überzeugt war, dass sich der biblische Schöpfungsbericht und die Evolution nicht ausschliessen. Später kam hinzu, dass ich diesbezüglich mit Johannes Hürzeler, dem Vater meiner Frau und Freund von Chardin wertvolle Diskussionen führen durfte. Auch er verliess als Paläontologe die Kirche nicht. Meine Devise wurde, nur in der Kirche lässt sich Kirche verändern. Ich bin kein Frommer, ich bin ein religiöser Mensch. Ich frage noch heute, «woher, wohin, wozu». Wir Menschen sind ja nur ein kleines Stäubchen in Zeit und Raum. Aber wir haben ein Mandat. Wir sollen unsere Talente einsetzen.

Wie besorgt sind Sie um unsere Umwelt?

Sehr besorgt. Kompetente Freunde von mir sagen gar, die Welt sei nicht mehr zu retten. Soweit gehe ich nicht. Aus einer langen Geschichte hat der «Homo sapiens sapiens» überlebt. Alle vorangegangenen Menschenarten sind ausgestorben. Die Bezeichnung «sapiens» - der Weise – ist natürlich falsch. Heute müsste man «Homo consumens» - Aufbraucher, Ausbeuter - sagen. Wir benötigen dringend eine neue Werte-Kultur. Nach der Phase Jäger und Sammler als Teil der Natur kam die Agrarrevolution der Sesshaftigkeit und des Ackerbaus mit Eingriffen in die Natur. Sehr viel später dann folgte die dritte Phase der Industriellen Revolution, welche die Natur bis heute ausbeutet. Nun brauchen wir eine vierte Revolution, eine Werte-Kultur im Sinne von bebauen und Sorge tragen – nach Genesis 2,15 «den Garten pflegen und schützen» – mit Ethik und Achtsamkeit, ein haushälterisches, pflegliches Umgehen mit Natur.

Soweit sind wir noch nicht.

Ich bin zuversichtlicher als Sie denken. Zum einen hat die Natur eine grosse Kraft, Samen spriessen auch nach Jahren, durchbrechen Asphalt. Die Natur erträgt viel, aber nicht alles. Zum andern verdienen, ja haben die Menschen weiterhin eine Chance massvoller und genügsamer zu leben: nicht zu viel, nicht zu wenig, gerade richtig.

Was ist heute die schlimmste Umweltsünde?

Die schlimmste ist die sorg- und verantwortungslose Verschwendung von Ressourcen mit einschneidenden Folgen für die Umwelt, etwa das empfindliche Klimasystem. Für die Schweiz war 1986 ein Schlüsseljahr. Da ereignete sich der Chemieunfall Schweizerhalle. Chemikalien gelangten in den Rhein, viele Fische wurden getötet. Im selben Jahr auch die Explosion im Atomkraftwerk Tschernobyl. Es wurde klar, dass man in der Schweiz kein Garten für sich ist. Böden, Gewässer und Luft wurden belastet. Man konnte aus dem Tessin keinen Käse mehr verkaufen, das Gemüse war vergiftet. Die Umweltprobleme, das wurde klar, können nicht nur lokal gelöst werden. Dazu kamen die Mittellandseen, die wegen der Landwirtschaft überdüngt waren, der Sempachersee beispielsweise, der künstlich belüftet werden musste.

Aus diesen Schrecken hat man etwas gelernt. Im Gewässerschutz ging etwas. Tschernobyl kam nach Fukushima wieder ins Bewusstsein und löste immerhin Moratorien aus.

Das ist richtig. Tote Fische, nicht mehr brauchbare Lebensmittel, verlassene Dörfer liessen spüren, wie gravierend und grenzenlos Auswirkungen auf die Umwelt sind. Es braucht einen Schock, dann wird gehandelt. Gewässerschutz- und Umweltschutzgesetzgebung haben wir so politisch durchsetzen können. Nur, nach gut fünf Jahren verebbt leider die breite Diskussion und die Gefahren gehen vergessen. Aber: Wer die Umwelt nachhaltig schützen will, muss sie vor dem Menschen (nur eine Art von 20 Millionen Arten) schützen, wer den Menschen schützen will, muss die Umwelt schützen.

Ist das ein Grund für ihr Postulat im Grossen Kirchenrat der römisch-katholischen Kirche Region Bern?

Genau, ich wollte die Kontinuität im ökologischen Handeln in unserem kirchlichen Umfeld sicherstellen. 2010 stellte die Schweiz einen neuen unrühmlichen Weltrekord der Menschheitsgeschichte auf. Sie gab mehr Geld für Mobilität als für Nahrung aus, welche sie erst noch zu einem Drittel wegwirft (120 Kilogramm pro Person und Jahr)! Alle sind heute umweltbewusst... Es wird gefahren, gereist, verschwendet - ungebrochen. Auch braucht es konstante finanzielle Mittel, um beispielsweise eine Energieeffizienz zu erreichen, die auf Dauer hilft, Finanzen zu sparen. So beim Heizen – mit betrieblichen und technischen Massnahmen wie Dämmung spart man Heizkosten. Das stellen wir auch in meiner Pfarrei fest. Wir sparen so zwischen 10-20% Energiekosten, was einige tausend Franken ausmacht.

Ein Legislaturziel 2011-2014 der Exekutive hiess: «Die katholische Kirche Region Bern handelt ökologisch». Trauten Sie dieser Absicht nicht?

Dieses Ziel wurde glaubwürdig mit beträchtlichen Mitteln vor allem im Bausektor umgesetzt. Darauf aufbauend braucht es jetzt aber ein langfristiges und umfassendes ökologisches Handeln. Deshalb mein Postulat «Die katholische Kirche Bern nimmt die Schöpfungsverantwortung wahr». Schöpfungsverantwortung hat mit Nachhaltigkeit zu tun. Nachhaltigkeit ist ein integraler Ansatz, Beispiel Klimaveränderungen. Sie lösen Flüchtlingsströme aus. Die gilt es politisch, wirtschaftlich, sozial, menschlich zu bewältigen. Es ist auch wichtig zu sehen, wie und wo die Gelder angelegt werden, beispielsweise Pensionskassengelder – es geht um Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Nicht nur Wissenschaftler konzentrieren sich heute auf ihre Spezialgebiete. Generalisten werden oft belächelt. Die vernetze ganzheitliche Sicht braucht es aber, wenn wir die Probleme anpacken wollen. Die Zusammenhänge erkennen und bedarfsgerecht handeln ist heute gefordert. Unsere Kirche, wir Christen sollen weiterhin Vorbild sein.

Im Moment stimmt die Kasse der katholischen Kirche Bern. Da ist es einfach, die finanziellen Mittel sicher zu stellen. Was ist, wenn die Mittel knapp werden?

Wir müssen heute eine gute Basis für schlechtere Zeiten sichern. Das geschieht jetzt mit der Annahme des Postulates. Es beinhaltet vier Bereiche: Bau und Unterhalt, Bewirtschaftung von Vermögen wie der Geldanlagen, Unterstützung der Pfarreien/Kirchgemeinden bei der schöpfungsmotivierten ökologischen Informations- und Sensibilisierungsarbeit etwa im Religionsunterricht, durch Weiterbildung und Projekte sowie die Information nach aussen. Dem hat der Grosse Kirchenrat nun zugestimmt. Es wird ein Leitbild erstellt, es wird einen wiederkehrenden Nachhaltigkeitsbericht als Controlling geben und es wird eine Nachhaltigkeitsgruppe eingesetzt, die weitere konkrete Massnahmen vorschlägt und deren Umsetzung laufend prüft. Es ist mehr, als ich erwarten durfte. Das freut mich.

Interview: Jürg Meienberg

15. Mai 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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