«Gott stehe uns bei». Foto: owik2 / photocase.de

Hans H. Weber. Foto: Christina Burghagen

Nicht schon wieder!

Der sexuelle Missbrauch an Schutzbefohlenen in der katholischen Kirche. Gedanken von Hans H. Weber

Das Problem ist in der unreflektierten Moral zu finden, denn Missbrauch kommt in allen Gesellschaftsschichten, sowie allen religiösen Gemeinschaften und Kirchen vor. Der Missbrauch wird umso sichtbarer, wo der Schatten der Moral nicht mehr hinreicht. Die katholische Kirche ist ein Beispiel für die Schwäche der Moral. Missbrauch ist ein omnipräsentes Verbrechen und richtet sich nicht nach kirchlichen Institutionen. Um 1993 (1) konnten aufgeschreckte US-Bürger kaum glauben, was im Dunkeln der Kirchen geschehen sein sollte. Die US-Amerikanische Justiz begann mit Ermittlungen und Strafverfolgung pädophiler Priester und Ordensleuten. Eine Verhaftungswelle erschütterte die katholischen Bürger im Staate Maryland.

Danach beruhigte sich diese Szene wieder. Ab 2002 trat der US-Amerikanische Erzbischof von Boston, Massachusetts, Kardinal Bernard Francis Law ins Rampenlicht (2). Die Zeitung «Boston Globe» berichtete von grassierenden sexuellen Missbräuchen in der katholischen Kirche des Staates Massachusetts. Das führte schlussendlich zur Demission von Kardinal Law. Sein Vergehen: «Vertuschen von offensichtlichen sexuellen Missbräuchen durch seine Diözesanpriester» (3). Law wurde zwar 2003 teilweise rehabilitiert und war ab 2004 bis 2011 als Erzpriester in der Patriarchalbasilika Santa Maria Maggiore in Rom und verschwand dadurch aus den USA.

Der «Boston Globe», durch Journalisten der Abteilung «Spotlight», recherchierten trotz massivem Widerstand von Vertretern der katholischen Kirche und einer konservativen Bürgerschaft. Sie veröffentlichte auf eigenes Risiko hin den Vertuschungsskandal unter der damaligen Kirchenleitung. Mehrere hundert Missbrauchsfälle wurden aus dem Dunklen ans Tageslicht gezogen. Das Vertuschen, Versetzen, Verschweigen erschütterte die katholische Kirche, die jedoch versprach, dem kriminellen Treiben einen Riegel zu schieben.

Einige Statements aus dem Film «Spotlight»:

• Es geht nicht darum die katholische Kirche und deren Gläubige anzuklagen, sondern das System!
• Wir haben es mit einem psychopathologischen Phänomen zu tun.
• 50% der Priester leben das Zölibat, mindestens 6% sind pädophil.
• Etwas wissen ist das eine, der Glaube etwas anderes!
• Bedenkt, dass diese Kirche eine beinahe zweitausend Jahre alte Sprache hat!
• Die meisten Missbrauchsopfer stammten aus der sozialen Unterschicht.
• Es gab Täter, die auf das Schweigegelübte ihrer Opfer vertrauten.
• Die gesellschaftliche Oberschicht in Boston half der Kirchenführung, die Strafprozesse nicht ausserhalb der Kirche zu tragen.
• Die Kirche reagierte auf den offensichtlichen und krassen Missstand, aber Gegenmassnahmen wurden nicht öffentlich gemacht.

Im August 2018 folgt nun vermutlich der ultimative Dammbruch, der den Missbrauch an Schutzbefohlenen Kindern ins volle Rampenlicht der christlichen Weltöffentlichkeit rückt. Die mutmasslich tausendfachen Missbrauchsverfehlungen durch Priester und Ordensleute der katholischen Kirche, im US-Bundesstaat Pennsylvania, werden öffentlich gemacht. Sechzehn Jahre nach «Spotlight» das identische Muster. Sogar Papst Franziskus greift nun zur Feder und verfasst das als Dokument des Heiligen Stuhls bezeichnete «Schreiben von Papst Franziskus an das Volk Gottes».

Darin verurteilt der Papst in aller Schärfe die im Namen der Kirche amtierenden kriminellen Priester und Ordensleute. Sein Aufruf gelangt an das Volk Gottes, an Gläubige und Ungläubige. Er zitiert Joseph Ratzinger (Karfreitag 2005, als Papst Benedikt XVI): «Wieviel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade unter denen die im Priestertum ihm ganz dazu gehören sollten»! Papst Franziskus: «Dazu gehört auch die Verbreitung der ‹Null-Toleranz-Haltung› und der Massnahmen, Rechenschaft zu fordern von allen, die diese Verbrechen begehen oder decken. Wir haben diese so notwendigen Aktionen und Sanktionen mit Verspätung angewandt, aber ich bin zuversichtlich, dass sie dazu beitragen, eine bessere Kultur des Schutzes in der Gegenwart und in der Zukunft zu gewährleisten!»

Ich, als praktizierender Katholik, habe diese Zuversicht nicht. Die Vergangenheit hat nicht bewiesen, dass sich die «Null-Toleranz-Haltung» jemals schlagkräftig positioniert hat.

Wir alle sind Kirche

Die Frage der Verantwortung muss nicht mehr umschrieben werden. Ich als individuelle Person bin Teil der ekklesiologischen Gemeinschaft der Christen. Dabei spielt es keine Rolle, welcher Konfession, welcher christlichen Kirche oder kirchlichen Gemeinschaft ich angehöre. Wenn ich Kirche bin, dann bin ich Christ. Diese Unterscheidung, respektive Definition, löst viele Problem im Umfeld Kirche. Für die Verfehlungen von Einzelpersonen, die den Kirchen als Organisation vorstehen, muss ich, damit auch die personifizierte Kirche, keine Verantwortung übernehmen. Das ist ein sehr wichtiges Argument zur persönlichen Verantwortung als Christ. Es ist zu einfach, Ereignisse wie Ketzer-Verfolgungen, Hexenverfolgung, Häresie, Inquisition, und Missbrauch, der Kirche anzulasten (also mir persönlich und allen «Wir sind Kirche»).

Das säkulare Rechtsystem fordert die Bestrafung von fehlbaren Personen. Die Kirchen-Organisationen haben kein öffentliches Recht, Verfehlungen von Personen zu vertuschen oder tot zu schweigen. Aber die personifizierte Kirche , der einzelne katholische Christenmensch, darf nicht für die Verfehlungen der Kirche (Institution) zur Verantwortung gezogen werden. Das heisst: «Was eine verantwortliche, kirchliche Person verbrochen hat, ist nicht mir/uns als Kirche anzulasten»! Sie sind an die Institution Kirche zu delegieren. Diese nichtpersonifizierte institutionelle Kirche steht in der Pflicht, alle ihre Mitglieder, die nach Papst Franziskus Kirche sind (4), zu würdigen und zu schützen. Ich denke insbesondere an die Problematik der sexuellen Übergriffe und des Missbrauchs, die durch Kirchenorganisationen verschleiert worden sind. Wenn die ekklesiologische Gemeinschaft der katholischen Christen angeklagt wird, dann fügen wir unserem christlichen Glauben grossen Schaden zu.

Der Kernauftrag des Christen (der Kirche)

Das Evangelium lehrt in aller Einfachheit einige Grundzüge menschlichen Verhaltens dem Nächsten gegenüber:
• Die Förderung des spirituellen Glaubens.
• Die Barmherzigkeit
• Die Menschenliebe
• Das Gute
• Das persönliche Verantwortungsbewusstsein

Das sind ethische, soziale und religiöse Fundamente des Zusammenlebens, der gegenseitigen Achtung und des Friedens. Das sind ebenfalls Elemente, die schwer durchzusetzen sind. Die kirchlichen Organisationen sind ebenfalls gefragt, diesen Grundsätzen nachzuleben. Das grosse Problem, das immer wieder in den Weg kommt, ist der unterschiedliche, übersteigerte Moralanspruch kirchlicher Organisationen. Denn die Öffentlichkeit misst die kirchlichen Organisationen nach dem Massstab und dem Missbrauch ihrer Moral.

Die Moral

Im philosophischen Wörterbuch (5) wird der Begriff MORAL in etwa so umschrieben. Descartes (6) gebraucht den Begriff zur Bezeichnung der moralischen Vorschriften, die seinem Handeln bis zur Vollendung der allgemeinen Reform der Wissenschaft zugrunde liegen sollten. Diese Moral, die deutlich anknüpft an die stoische Ethik (Stoa), enthält folgende Maximen:
• Halte dich stehts an die Sitten und Gebräuche des Landes, in dem du lebest.
• Halte an einmal gefasste Vorsätze fest, solange es irgendwie möglich ist.
• Stelle eher die eigenen Überzeugungen als die Ordnung der Welt in Frage, und wünsche nichts Unmögliches.

Würden diese drei einfachen Punkte, wohlverstanden aus eine dunklen Zeit von Glaubenskriegen  stammend, in voller Verantwortung und vollem Bewusstsein angewendet, vielleicht hätten wir eine bessere Welt?

Das Problem Moral zeigt sich in der gegenwärtigen Situation der röm.-kath.-Kirche, zu den unseligen Missbrauchsvorwürfen. Die Aussenstehenden verurteilen diese Kirche auf Grund ihrer Moral. Die Kirche sleber verteidigt sich mit: «Was nicht sein darf, kann nicht sein.» Es ist müssig der Institution Kirche den Rücken zu kehren, aus der Kirche auszutreten, die Faust im Sack zu machen. Der selbstbewusste katholische Christ (wir sind Kirche) wird von unten her die Stimme erheben.

Das Evangelium wurde nicht von oben diktiert, sondern begann den Siegeszug von unten, von der Basis der Gläubigen her. Wir als die personifizierte Kirche sind die einzige treibende Kraft, eine Position zu beziehen und dieser zum Durchbruch zu verhelfen. Es sind die Missetäter in Person, die verurteilt werden müssen! Vielleicht ist die Affäre Pennsylvania im Sommer 2018 der Dammbruch, endlich die volle Verantwortung und die Kraft, die katholische Kirche zu Gunsten der personifizierten Kirche aus dem Sumpf zu ziehen. «Gott stehe uns bei».

NACHTRAG: Lehren?

Ernüchterung und Verzweiflung über die Lage der katholischen Kirche in der Institution selber. Die Grössen im Vatikan schieben einander den Schwarzen Peter zu. Entschuldigungen und Verzeihung reicht nicht aus, um den Sumpf trocken zu legen. Aber das wissen verschiedene Würdenträger der kirchlichen Institution nicht. Unwürdig ist das Verhalten verschiedenen Würdenträger gegenüber dem Papst. Die freigewonnene Energie um den Missbrauchsskandal wird bereits zum Wahlkampf für einen neuen Papst. Da stimmt etwas nicht, warum fragt ihr nicht das Kirchenvolk? Das Kirchenvolk könnte vielleicht den Machtbesessenen Klerikern einen Spiegel vorhalten und an längst vergangene Zeiten erinnern als der Machtmissbrauch zum Untergang einer kirchlichen Epoche führte, erinnern wir uns an die Reformation!

Nichts desto Trotz schlägt eine kirchenunwürdige Hatz gegen die Homosexualität hohe Wellen. Papst Franziskus Aussage zur Homosexualität war vermutlich zur falschen Zeit, am falschen Ort, zum falschen Publikum gemacht worden. Der Papst ist nicht zu beneiden, soll er doch die ganze Schuld der Verbrechen unwürdiger Priester und Ordensleuten auf sich, als verantwortlicher Papst, legen. Gemessen an den Verbrechen eine unmögliche und unmenschliche Aufgabe.

Das System einer zu hoch greifenden Moral und dem Ausweg über das Verzeihen greift nicht mehr. Nur noch ein konkretes Handeln, eine offene Informationspolitik und der ultimative Wille der Kirchenführer sich der Wahrheit zu stellen und endlich greifbare Massnahmen durchzusetzen. Die Soziallehre der Kirche hat in ihrer Veröffentlichung des päpstlichen Rats für Gerechtigkeit und Frieden «Kompendium der Soziallehre der Kirche (2004)» eindeutig (auf dem Papier) Stellung bezogen (ich zitiere in der Folge aus diesem Werk). 16 Jahre nach den Enthüllungen im Staate Massachusetts. Jetzt, 2018 ,ist der Missbrauchsskandal in Pennsylvania noch gravierender. Was ich als besonders gefährlich erachte, sind die verdeckten Schuldzuweisungen an Homosexuelle. Der Churer Weihbischof Marian Eleganti sagte beispielsweise: «Der Missbrauchsskandal in Pennsylvania zeigt halt doch: Es hängt mit der Homosexualität zusammen» (7). Der indirekte Kampf gegen Homosexuelle ist ein zweischneidiges Schwert. Es geht darum, dass die Fehlbaren, ob homosexuell oder nicht, zur Rechenschaft gezogen werden und gemäss Art. 245 (siehe unten), kompromisslos bestraft und aus dem Amt entfernt werden.

Zitate aus dem: «Kompendium der Soziallehre der Kirche (2004)» (8)

Kapitel 5, im Art. 228: «Die homosexuellen Personen müssen in ihrer Würde respektiert und dazu ermutigt werden, dem Plan Gottes Folge zu leisten, indem sie sich in besonderer Weise um Keuschheit bemühen. Der ihnen gebührende Respekt darf jedoch nicht zur Legitimierung von Verhaltensweisen führen, die mit dem moralischen Gesetz nicht vereinbar sind, und weniger dazu, dass Personen des gleichen Geschlechts ein Recht auf Ehe zugestanden und ihre Verbindung damit der Familie gleichgestellt wird».

Kapitel 5, aus Art. 245: «Der Missbrauch der Kinder für den auch mit dem modernsten sozialen Kommunikationsmitteln betriebene Handel mit pornografischem Material. Es ist unerlässlich, auf nationaler wie internationaler Ebene gegen die Verletzung der Würde von Jungen und Mädchen zu kämpfen, die durch die sexuelle Ausbeutung durch Personen mit pädophilen Neigungen und durch alle Arten von Gewalt verursacht werden, die diese schutzbedürftigen menschlichen Personen erleiden. Es handelt sich um Straftraten, die wirkungsvoll und mit geeigneten vorbeugenden sowie strafrechtlichen Massnahmen durch entschlossenen Handel der verschiedenen Autoritäten bekämpft werden müssen».

Hans H. Weber Pfarreirat (zuständig für Ökumene) und «FORUM UTOPIA» Theologischer Querdenker; Pfarrei St. Marien, Thun

(1) Ich war zu jener Zeit im diplomatischen Dienst der Schweizer Armee in Washington D.C. (2) Erzpriester Bernhard Francis Law; 1931 bis 2017 (3) Der Film «Spotlight» 2015 zeigt eine filmische Dokumentation über die im Jahre 2002 aufgedeckten Missbrauchsfälle in Bosten. (4) Papst Franziskus, 30. Oktober 2014 um 13:38, begrüsst Papst Franziskus zehntausende Pilger und Gäste auf dem Petersplatz. Er sagt: «Wir alle sind Kirche»! (5) Philosophisches Wörterbuch, von Martin Gessmann (6) René Descartes, französischer Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler. 1596 bis 1650 (7) Churer Weihbischof, Marian Eleganti; Tagesanzeiger, 28. August 2018; von den 300 Priestern stehen 90% im Zusammenhang zur Homosexualität. (8) Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden; HERFER; Juni 2004

5. September 2018
erstellt von «pfarrblatt» online
  • Pfarrblatt / Angelus
  • Brennpunkte