«Ich erfahre in der Musik und insbesondere in der improvisierten Musik die spirituelle Dimension» – Jazzmusiker John Voirol. Foto: Pia Neuenschwander

Die Mitwirkenden: John Voirol (Saxophon), Franziska Brücker (Gesang), Jonas Beck (Posaune), André Flury (Texte – Psalmen – und Konzept). Foto: François Gribi, Bern

Offenbarung des Unendlichen

Das ganze Leben und darüber hinaus in Text und Musik. In Bern finden, über das Jahr verteilt, zahlreiche sogenannte Jazzvespern statt. Der Jazzmusiker John Voirol setzt dabei seine Gedanken, seine Gefühle in Musik um. Der Theologe André Flury berichtet von urmenschlichen Erfahrungen. Er liest «modernisierte» Psalm-Texte.


Beten ist für viele Menschen etwas Befremdliches. Zu konstruiert wirken vielleicht die Gebete, die uns die Kirchenliteratur anbietet. Dies trifft auch auf die uralten Psalmen zu. Zu abstrakt der Dialog mit einem Gott, dessen Existenz zu bezweifeln in unserer Gesellschaft mittlerweile der Normalfall scheint. Zugegeben, dass man glaubt – das geht noch, aber darüber reden, dass man betet?

«Ja, vergleichsweise wenige Leute haben einen Zugang zur Bibel und zu Psalmen», fasst es André Flury zusammen. «Psalmen haben jahrtausendelang Menschen in ihrem Glauben und Leben begleitet. Heute sind sie jedoch in Vergessenheit geraten. Die Jazzvesper ist ein Versuch, die urtümliche Kraft der Psalmen durch modernen Jazz wiederzuentdecken.»

Der Theologe gestaltet gemeinsam mit dem Jazzmusiker John Voirol in verschiedenen Kirchen in Bern Jazzvespern: Flury liest Psalmen, Voirol und seine Band interpretieren diese musikalisch. Es sei ein Versuch, auch Leuten, welchen das Beten fremd ist, über die Musik einen Zugang zum spirituellen Gespräch zu ermöglichen, so André Flury.

Die Kombination von Jazz und Gebet sei keineswegs eine neue Erfindung, meint John Voirol. «Der Jazz hat seine Wurzeln im Gospel und Blues, welche Psalmen zelebrieren! Viele Jazzmusiker wie Ornette Coleman, John Coltrane, Abdullah Ibrahim Dollar Brand und andere waren religiöse oder spirituelle Menschen und erfuhren Kraft, Trost und Inspiration in ‹The Love Supreme›.»
Für ihn sei der Begriff Jazz in der Jazzvesper sehr weit zu fassen, so Voirol: «Jazz ist der Inbegriff der Improvisationskunst, des Grooves und des spontanen Agierens, der Freiheit, meine Gedanken in Musik umzusetzen.»

Seit 20 Jahren arbeitet der Saxophonist mit Ensembles wie der Gregorianikschola «Romana Lucernensis» oder der Choralschola «Linea et Harmonia» zusammen, welche Psalmen aufführen. «Ich erfahre in der Musik, und besonders in der improvisierten Musik, die spirituelle Dimension, die im ‹weltlichen› geregelten System des Materiellen nicht zu finden ist», so Voirol.
Darin offenbare sich die Grösse des Universums, das alles und nichts sei, pure Freiheit und Selbstbestimmung ermögliche. Er improvisiere im Dialog mit den Gesängen, so erklärt es Voirol, farbig, dunkel, klagend, je nach Psalmtext und Melodie.

Er lese den Psalmtext durch – und setze die Gefühle um in Klang. Das funktioniere, weil Musik für ihn eine starke spirituelle Dimension habe: «Musik, egal ob christliche Musik, buddhistische Klänge, afrikanische Rhythmen oder indische Ragas, ist eine Offenbarung des Unendlichen.»
Am stärksten geprägt habe ihn in dieser Hinsicht, als er zum ersten Mal die Stücke des Jazz-Saxophonisten John Coltrane gehört habe. Es sei diese Musik gewesen, diese Expressivität, vielleicht auch die gelebte Spiritualität, die ihn bewogen habe, sein Leben ganz der Musik zu widmen.

Die Spiritualität sowohl der Musik als auch der Texte spürt auch Flury. Für ihn sind Psalmen Äusserungen und Umgang mit urmenschlichsten Erfahrungen: Hoffnungen und Ängste, Freude und Leid, Trauer und Wut – das ganze Leben komme in den Psalmen zur Sprache.
«In unerschrockener Ehrlichkeit werden Fragen und Zweifel benannt, wird Unrecht angeklagt und Wut hinausgeschrien. Durch diese Ehrlichkeit und Emotionalität wird in den Psalmen eine Art Katharsis erreicht: Neues Vertrauen, neuer Lebensmut, ja sogar das Loben Gottes wird möglich.»

Die Jazz-Interpretationen liessen diese Erfahrung für uns heute emotional nachvollziehbar werden. Dieses Jahr liest Flury allerdings keine «originalen» Psalmen, sondern modernisierte Versionen: Psalm-Gedichte des bekannten Buchautors und Theologen Pierre Stutz. Bei diesen stehen das Nachdenken über den eigenen Glauben, die kritische Selbstreflexion und die Ermutigung zum sozialen Engagement im Vordergrund.
Auch Pierre Stutz geht es gemäss Flury um das Wiederentdecken der Kraft der Psalmen. Diese seien zeitlose Zeugen des Strebens nach Gerechtigkeit. «Psalmen geben sich nicht zufrieden mit dem Ist-Zustand, der ungerecht ist, sondern halten an der Hoffnung fest, dass die Welt, dass auch mein konkretes persönliches Leben besser aussehen kann – und dass mein Leben in Gott geborgen ist.»

Sebastian Schafer

 

Orte, Daten, Zeiten

So, 18. März, 17.00–17.45, St. Mauritiuskirche, Waldmannstrasse 60, 3027 Bern
Fr, 23. März, 18.00–18.45, Dreifaltigkeitskirche, Taubenstrasse 4, 3011 Bern
Sa, 12. Mai, 17.00-17.45, St. Josefskirche, Stapfenstrasse 25, 3098 Köniz
Fr, 14. September, 19.30-20.15, St. Johanneskirche, Johanniterstrasse 30, 3047 Bremgarten
So, 28. Oktober, 17.00–17.45, St. Antoniuskirche, Burgunderstrasse 124, 3018 Bern

Mehr Infos unter: www.jazzvesper.info

 

 

16. März 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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