Über den Gottesbeweis nachdenken. Foto: Good Mood / photocase.de

Ontologische Gottesbeweis, der-

Anselm von Canterbury war ein Benediktinermönch des 11. Jahrhunderts, lebte aber die meiste Zeit seines Lebens gar nicht, wie man anzunehmen versucht wäre, in Canterbury, sondern im Kloster Le Bec in Frankreich. Berühmt wurde Anselm aber nicht für seinen irreführenden Namen, sondern für etwas anderes: Seinen «Ontologischen Gottesbeweis». Und der geht so:

In seiner Schrift «Proslogion» beklagt Anselm, dass er seinen inneren Zweifler nicht zum Schweigen bringen könne. Jene Stimme jedes gesunden Glaubens, welche die Existenz Gottes permanent anzweifelt. Anselm wendet sich also an den Gläubigen, der wirklich verstehen will – und nicht nur blind glaubt. Und weil Gott das unfassbarste, schönste und vollkommenste Ding ist, das es gibt, charakterisiert er ihn als «das, worüber hinaus sich nichts Grösseres denken lässt». Und nun zeigt Anselm: Diese «Sache» existiert in Wirklichkeit.

Anselm nimmt, um das zu beweisen, mal das Gegenteil an: Diese «Sache» existiere nicht in Wirklichkeit! Dann würde das, worüber hinaus sich nichts Grösseres denken lässt, nur in unserer Vorstellung existieren. Aber halt! Wir haben uns soeben etwas noch Vollkommeneres vorstellen können, nämlich dass diese «Sache» auch in Wirklichkeit existiert. Und vollkommener als das Allervollkommenste, das man sich denken kann, ist dieselbe Sache, nur in echt. Ergo: Es muss das, worüber hinaus sich nichts Grösseres denken lässt, auch in echt geben – sonst wäre es nicht das, worüber hinaus sich nichts Grösseres denken lässt.

Hat Sie das jetzt zu sehr verwirrt? Keine Angst. Jeder Theologiestudent quält sich ein Dutzendmal durch Anselms Argumentation, bis er ihn verstanden hat. Lesen Sie Anselm einfach nochmal. Und nochmal. Übrigens: Auch Kant, Descartes und Hegel haben sich über dem Beweis den Kopf zerbrochen – mit unterschiedlichen Ergebnissen. Während Descartes Anselm zustimmt, versuchte Kant, den Beweis zu entkräften – und entwickelte seinerseits die moralische Notwendigkeit von Gott. Aber dazu ein andermal.

Sebastian Schafer

Aus der Reihe «Denker des Abendlandes» des Bayerischen Rundfunks. Folge 20: Anselm von Canterbury und sein Gottesbeweis. Der Physiker Harald Lesch und der Philosoph Wilhelm Vossenkuhl vermitteln hier in leicht verständlicher Weise dieses geistige Erbe Europas.

 

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7. März 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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