Pitschü! Foto: zazou / photocase.de

Pathogenese

Die Patientin gehört einer besonderen religiösen Gemeinschaft an. Dennoch freut sie sich über den Besuch der Spitalseelsorge. «Warum ich, warum bin ich krank?» Immerzu kreise sie um diese Frage. Sie sei keine schlechte Frau, habe niemandem etwas zuleide getan. In einem Punkt aber sei sie sich sicher: Gott verteile keine Krankheiten. Vielmehr sorge er dafür, dass Menschen die Kraft hätten, Krankheiten zu überstehen.

Ich merke, wie mich ihre Gewissheit innerlich entspannt, und pflichte ihr gerne bei. Doch beim nächsten Satz erhöht sich mein Muskeltonus, denn nun kommt der Teufel aufs Tapet. Er sei es nämlich, der die Krankheiten mit bösen Absichten unter den Menschen verteile.

Die Worte der Frau sind von einer solchen Gewissheit, dass keine Lücke bleibt für Widerworte. Einzig ein kleines Gedicht dringt durch die schmale Ritze und rückt die Entstehung von Krankheiten wieder ins richtige Licht: «Ein Schnupfen hockt auf der Terrasse, auf dass er sich ein Opfer fasse – und stürzt alsbald mit grossem Grimm auf einen Menschen namens Schrimm. Paul Schrimm erwidert prompt: ‹Pitschü!› und hat ihn drauf bis Montag früh» (eingeflüstert von Christian Morgenstern.)

Marianne Kramer, ref. Seelsorgerin

Die Kolumnen der Spitalseelsorge im Überblick

7. März 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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