Hans Saner. 3.12.1934 in Grosshöchstetten bis 26.12.2017 in Basel. Foto: SRF

Religion des Staunens und der Dankbarkeit

Wie so oft erinnert der Tod eines Dichters oder Philosophen an sein Werk. Hans Saner starb nach langer Krankheit am 26. Dezember 2017. Er wurde 83 Jahre alt.

In seiner Schrift mit dem wunderbaren Titel «Anarchie der Stille» kommt er auch auf Religion zu sprechen. Aus seiner Kritik an dogmatischen, hierarchischen Institutionen macht er kein Geheimnis. Aber er bleibt nicht dabei stehen. Er findet alternative Wurzeln für Religion.
«Ist Religion etwas anderes als sublimierte Verzweiflung?», fragt der aus einer Täufer-Familie stammende Philosoph aus Grosshöchstetten, der bis 2008 an der Musikakademie Basel Kulturphilosophie lehrte. Er fragt, ob Religion nicht auch aus der Dankbarkeit und dem offenen Staunen entsprungen sein könnte:

«Eine Religion des Staunens würde ganz auf dem Erlebnis des Wunderbaren beruhen. Wunderbar aber wäre das Seiende in seiner Vielfalt: das Wie des Seienden, dessen Transzendenz das Wunderbare des Wunderbaren wäre: dass etwas ist.
Eine derartige Religion müsste ganz konkret sein. Das Staunen angesichts des Hier und Jetzt wäre ihr Gebet. Derart konkret würde auch eine Religion der Dankbarkeit. Ihr Wunder wäre: ich bin, und ihr Gebet wäre die Liebe zum Leben und zur Welt. Beide Religionen münden in das Mysterium der reinen Präsenz, die identisch ist mit der Ewigkeit. (....) Warum hat es das nie gegeben?»

Natürlich findet sich zum Beispiel im Buch der Weisheit, oder in den Evangelien diese Präsenz, die aus Dankbarkeit und Staunen quillt. Beides sind Ansätze, die wir als Kinder, wenn wir denn eine behütete Kindheit erfuhren, in unserem Kindsein, oft unbewusst, entdeckten: «ich bin» und «etwas ist» sind Bestandteile der Entwicklung zum Menschsein. Dass das Christentum die mitnimmt und prioritär bedenkt, die verzweifelt sind und am Rand der Gesellschaft stehen, ist ein grosser Wert des christlichen Glaubens.

Um die Frage Saners aufzunehmen, warum es Dankbarkeit und Staunen nie zur Religion geschafft haben, lässt sich vielleicht antworten: Weil Dankbarkeit und Staunen die Verzweifelten vergessen kann. Die Erinnerung daran, dass Staunen und Dankbarkeit starke Wurzeln der Menschlichkeit sind, ist dennoch mehr als hilfreich. Weil sie „die Liebe zum Leben und der Welt“ lehren, meint Hans Saner.
Damit gehen auch die Verzweifelten nicht vergessen, meine ich. Danke, Hans Saner.

Jürg Meienberg

Das Buch: Hans Saner, Anarchie der Stille, 1990, Lenos Pocket 34, 200 Seiten, broschiert, ca. 18 Franken
Nachruf und Dossier zu Hans Saner, Neue Zürcher Zeitung.

4. Januar 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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