Foto: Andris Romanovskis/unspalsh

Schenk uns Zeit!

«Schenk uns Zeit!» Eine ziemlich unverfrorene Forderung – an wen ist sie gerichtet? An den Arbeitgeber? Interessant ist, dass die Person nicht fordert: «Gib mir Zeit!» Zeit, dieses oder jenes zu erledigen, Zeit, dieses oder jenes zu bedenken. Die Person spricht von einem Geschenk. Das heisst: die Zeit können wir nicht einfach einfordern oder gar festhalten – sie ist ein Geschenk, das unaufhaltsam fliesst.

Und die Person fordert diese Zeit nicht für sich allein: «Schenk uns Zeit». Da wird ein ganz anderer Aspekt angesprochen. Klar kann es schön und ab und zu sogar notwendig sein, wenn ich Zeit für mich allein habe, um ganz zu mir zu kommen. Aber offenbar steigert sich die Qualität der geschenkten Zeit, wenn wir sie mit jemandem teilen können: «Zeit zum Nehmen, Zeit zum Geben, Zeit zum miteinander Leben. Zeit zum Trinken, Zeit zum Essen, Zeit um keinen zu vergessen.» Wie gern erinnern wir uns doch an fröhliche Runden im Familien- und Freundeskreis, wo wir zusammen assen und tranken, an tiefe und intensive Gespräche «über Gott und die Welt»!

Und dann kommt noch eine dritte Dimension ins Spiel: «Schenk uns Zeit zum Beten, Zeit zum Klagen, Zeit, dir, Gott, Dank zu sagen.» In dieser dritten Bitte um das Geschenk der Zeit ist alles enthalten: die Zeit, um im Gebet alles vor Gott zu bringen, meine Freude, meine Klagen, meinen Dank. Gerade so, wie wenn ich mit einem guten Freund, einer guten Freundin sprechen würde. Aber das «uns» bleibt drinnen – das heisst, dass ich meine Mitmenschen einbeziehen soll, dass wir alle aufeinander angewiesen sind und nur gemeinsam im Leben voranschreiten können. Und das Schöne ist: wir stehen unter keinem Zeitdruck. Denn wer uns die Zeit schenkt, ist der/die Seiende: «Schenk uns Zeit aus deiner Ewigkeit!»

Liedtext: Rolf Krenzer, 1936–2007; Lied rise up plus 191

 

 

 

Ariane Piller
… ist Pianistin, Organistin, Kantorin, Chorleiterin und Musiklehrerin in und um Bern. Auftritte führen sie quer durch Europa.
Illustration: schlorian

 

 

 

 

«Wir nehmen uns die Zeit» im Überblick

15. Mai 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 11
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