Der elfjährige Bilal lebt als syrischer Flüchtling im Libanon. Foto: Alexandra Wey

Abbas Hawille unterrichtet Bilal in Arabisch. Foto: Alexandra Wey

Bilal und seine jüngere Schwester in ihrem Quartier Bir Hassan in Beirut. Foto: Alexandra Wey

Das Caritas-Projekt sorgt auch für den Transport zur Schule. Foto: Alexandra Wey

«... und ich hätte gern ein Fahrrad»

Der syrische Krieg fordert auch die Nachbarländer heraus. Innerhalb von wenigen Jahren wurden 250 000 syrische Kinder im Libanon eingeschult, insgesamt sind aber doppelt so viele im schulpflichtigen Alter. Kinder wie der elfjährige Bilal können auf die Unterstützung von Caritas zählen.

Von Fabrice Boulé, Caritas Schweiz, im Auftrag des «pfarrblatt»

Bilal war gerade mal fünf Jahre alt, als die Familie aufgrund des Kriegs Hassake im Nordosten Syriens den Rücken kehrte und in Beirut Zuflucht suchte. Dass die Familie Syrien so schnell nach Ausbruch des Konflikts verlassen konnte, war möglich, weil der Vater bereits vor dem Krieg regelmässig in Beirut auf dem Bau gearbeitet hatte. Schon seit vielen Jahren kehrte er immer nur für kurze Zeit zwischen zwei längeren Arbeitseinsätzen im Libanon in seine Heimat zurück.

Als die Lage in der syrischen Heimat 2012 immer brenzliger wurde, liess sich die ganze Familie im Norden der libanesischen Hauptstadt nieder. Im neuen und stark bevölkerten Quartier Bir Hassan, dessen enges Gassengeflecht sich ständig verändert, fanden über die Jahre sehr viele syrische Flüchtlinge Zuflucht.

Solange Bilals Vater Ismaïl Arbeit hatte, lief alles relativ gut. Doch dann kamen die Gesundheitsprobleme. Wegen seiner kranken Nieren fand er keine Stelle mehr auf dem Bau. Mit vier Kindern konnte sich die Familie kaum mehr über Wasser halten. Mutter Amira versuchte, das klägliche Familieneinkommen als Putzfrau aufzubessern. Einige Jahre lang erhielt die Familie finanzielle Unterstützung über das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR), aber diese Hilfe lief aus.

Gemäss Behördenangaben finden rund 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge im Libanon Zuflucht (16,7 Prozent der Bevölkerung), offiziell registriert durch das UNHCR waren Anfang dieses Jahres 946 000 Personen. Ismaïls Familie lebt in einer ebenerdigen Drei-Zimmer-Wohnung. Die Strasse vor der winterlich kalten und feuchten Wohnung ist voller Schlamm. Um die 300 Dollar Miete bezahlen und die Kinder zur Schule schicken zu können, muss sich die Familie verschulden.

Bilal, der immer wieder Lücken in seiner Schulzeit hatte, versucht mit sehr viel Einsatz die fehlenden Kenntnisse aufzuholen. Er besucht die Schule Omar Fakhoury im Quartier Jnah. Er ist ein feingliedriger und zurückhaltender Junge: «Arabisch ist mein Lieblingsfach. Alle bescheinigen mir grosse Fortschritte – und ich hätte gern ein Fahrrad», sagt er mit einem Lächeln und Schalk in den Augen. Doch dann verschwindet das Lächeln jäh aus seinem Gesicht: «Als die Kämpfe ausbrachen, wurde alles sehr schwierig. Wir waren verloren.» Erinnert er sich wirklich? Oder hat er verinnerlicht, was in der Familie erzählt wird?

Vielen syrischen Kindern ist deutlich anzumerken, wie traumatisiert sie sind. Um seine fehlenden Schulkenntnisse aufzuholen, besucht Bilal über Monate jeden Wochentag Stützunterricht. Rund 4600 syrische und libanesische Kinder besuchen diese Kurse. Die libanesischen Behörden ordnen diese Kurse an und bestimmen das Anforderungsprofil mit dem Ziel, die Integration der Kinder in das reguläre Schulsystem zu fördern.

«Schüler*innen mit Lernschwierigkeiten und auch sozialen Problemen sind die Zielgruppe dieser Stützkurse», erklärt Abbas Hawille, Bilals Arabischlehrer. «Viele unserer Schüler*innen sind auf dieses Angebot angewiesen.» Die Zahl der schulpflichtigen syrischen Kinder im Libanon wird auf 500 000 geschätzt, 250 000 sind eingeschult. Das von Caritas finanzierte Projekt wird mit Unterstützung der libanesischen Organisation Ana Aqra an zwölf Schulen in Beirut und der Region Mont-Liban durchgeführt. Die Lehrpersonen werden speziell darin geschult, Lernschwierigkeiten bei Schüler*innen zu entdecken und gezielt zu überwinden.

Auch die Eltern der syrischen und libanesischen Kinder werden in regelmässigen Sitzungen in das Projekt einbezogen. Der Grossteil der Eltern nimmt an diesen Sitzungen teil. Somit unterstützt das Projekt nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern und das gesamte libanesische Schulsystem. So viele Kinder in so kurzer Zeit zu integrieren, ist eine unglaubliche Herausforderung.

 

Infos: www.caritas.ch/syrien. Spendenkonto Caritas Schweiz: 60-7000-4 (Vermerk Syrien)


Die Schule als Traum

In Zahle, der Ebene von Bekaa, kämpft die 24-jährige Mazzin für den Schulbesuch ihrer Nichte und ihres Neffen. Seitdem ihr Mann vor einigen Monaten nach Syrien zurückkehrte, hat sie nichts mehr von ihm gehört. Sie lebt in einer sogenannten «informellen Einrichtung», sprich einem Lager aus notdürftig mit Holzbrettern abgestützten Zeltplanen auf einem Stück Erde. Den Boden hat Mazzin mit zwei weiteren Familien vom Grundstücksbesitzer gemietet, im Winter ist das Grundstück voller Schlamm und jeder Schritt wird zur Gefahr. Mazzin kümmert sich um die Kinder ihres Bruders, dem es gesundheitlich zu schlecht geht, um seine Kinder selbst gross zu ziehen.

Nothilfe

Mazzin erhält fünf Jahre lang eine finanzielle Unterstützung von Caritas. Dadurch kann sie einen Teil ihrer Schulden zurückzahlen und eine Ausbildung zur Schneiderin und Frisörin machen, um Arbeit zu finden. Die Unterstützung hilft ihr auch, ihrem Neffen und ihrer Nichte den Schulbesuch zu ermöglichen. Aber den Grossteil des Geldes wird sie für Essen und Medikamente ausgeben. Eine solche Nothilfe, die die Empfänger mit einer Bankkarte an einem Geldautomaten beziehen können, verhindert, dass die Familien immer tiefer in die Schuldenfalle und die Spirale der Ausweglosigkeit geraten. Sie gewinnen wieder etwas Würde und Selbstständigkeit, denn sie können selbst entscheiden, wie und für was sie das Geld einsetzen möchten.

2. April 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 8
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