«Hodegetria-Ikone». Maria – in der Ostkirche als «Panagia» – Allheilige – verehrt, ist die Hodegetria, d.h. die Wegweiserin.

«… und maria kletterte von ihren altären»

Ein Gedicht war der Auslöser, dass sich die Theologin Katrin Schulze mit der Glaubenslehre der Kirche über Maria auseinandersetzte und hinter den Dogmen viel Befreiung fand.

Beim Lesen der zum internationalen Marienfest begeistert mich einmal mehr die Vielfalt, in der Maria sich zeigt. Maria lässt sich nicht endgültig festlegen – man kann sie nicht als einzelne Statue auf einen Altar stellen und dort bleibt sie dann. Sie klettert immer wieder von ihren Altären runter, sie steigt aus ihren Bildern – um mit den Menschen zu sein.

Damit ist sie einmal mehr auch Bild für die Kirche, die sich hoffentlich nicht auf Altäre oder Gotteshäuser festlegen lässt, sondern immer wieder den Weg in den Alltag, zu den Menschen, zur Begegnung auf Augenhöhe sucht.

In seinem berührenden Gedicht «und maria» spannt Kurt Marti den Bogen von Maria, die aus Freude über ihre und Elisabeths Schwangerschaft das Magnificat singt – hin zu der von Machthabern verehrten «Gottesmutter und Ewig-Jungfrau» – zurück zu der mutigen und einfachen Frau aus dem Volk, die sich für die Armen und Benachteiligten einsetzt. Im Angelpunkt dieser Bewegung stehen die Zeilen «maria trat aus ihren bildern und kletterte von ihren altären».

Dieses Gedicht war der Auslöser, mich mit der Maria in der Glaubenslehre der katholischen Kirche auseinanderzusetzten. Zudem hatte ich auf einer Wallfahrt in Lourdes einmal eine Predigt gehört, wo in einer 5-Minuten-Homilie die vier Mariendogmen «verkündet» wurden. Zusammengefasst: Maria ist Gottesgebärerin, ewige Jungfrau, unbefleckt empfangen und in den Himmel aufgenommen. Das solltet ihr glauben!

Viele in dem Gottesdienst blickten sich verständnislos an ob dieser theoretischen, lebensfernen Ansprache. Gerade das vom Lehramt festgelegte Glaubensgut muss doch fruchtbar werden für unsere heutige Lebens- und Glaubenswirklichkeit! Sonst ist es toter Glaube. Im Interview zum Marienfest wird sichtbar, wie lebendig die einzelnen Beziehungen zu Maria sind. Weil die Beziehung zu ihr in unserer eigenen Lebensrealität wurzelt. So wie die vier Dogmen unsere tiefste Berufung als Mensch sichtbar machen. Der Zugang zu den Mariendogmen öffnet sich über die Lebensrealität von Maria, der einfachen Frau aus dem Volk.

Maria lässt sich mutig und voll Vertrauen auf die Ankündigung des Engels ein, der ihr die Geburt ihres Sohnes ankündigt. Das kann sie, weil sie ganz ursprünglich empfänglich für Gott ist. Er hat sie von Anfang an so gedacht und erschaffen. Frei von allem, was sie von Gott trennt. Maria ist «unbefleckt empfangen». Sie gebiert ihren Sohn und zieht ihn gross – mit allen Sorgen und Freuden, die zum Muttersein gehören. Ihr Sohn ist ganz Mensch, aber er zeigt durch seine Botschaft und sein gelebtes Leben der Welt Gottes Antlitz. Maria ist «Gottesgebärerin».

Maria ist ein freier, ungebundener Mensch. Sie geht mutig ihren eigenen Weg mit einer ungewöhnlichen Schwangerschaft, hält aus, dass ihr Sohn eigene Wege geht, und bleibt doch bis zum Kreuz und darüber hinaus ihm treu. Unabhängigkeit von Beziehungen – eine mögliche Deutung der «Jungfräulichkeit».

Am Ende wird das gelebte Leben von Maria von der Geburt bis zum Tod und mit allen Höhen und Tiefen von Gott vollendet. Was mit einer Verheissung geschah, endet mit Vervollkommnung. Maria wird in den Himmel aufgenommen und von Gott gekrönt.

Maria, unser Vorbild im Glauben, unser Vorbild für unsere Berufung. Das Glaubensgut unserer Kirche sagt uns auch, dass Maria uns Vorbild im Glauben und Vorbild für unsere tiefste Berufung als Menschen ist. Dann bedeutet das für uns: Der Geist Gottes möchte auch uns verwandeln zu immer empfänglicheren, für Gott offenen Menschen.

Weil wir von Anfang an so gedacht sind. In diesem Verwandlungsprozess wird auch alles Dunkle in uns zu Licht. So werden wir offener für Gott, für das Leben, für unsere Mitmenschen. Lassen wir so Gott in uns Mensch werden, damit wir selber zu Gottesgebärer*innen werden, zu mütterlichen Menschen, die Gott durch ihr Leben immer mehr in diese Welt tragen und ihn, seine Liebe und Menschenfreundlichkeit sichtbar machen. Dabei dürfen wir – wie Maria – unsere Jungfräulichkeit, also unsere innere Unabhängigkeit und Freiheit leben. Denn nur als freie Menschen können wir Ja zu Gott, zu den Menschen und zur Welt sagen, nur als ungebundene Menschen werden wir zu einem verbindlichen Lebensstil fähig.

Und mit Maria dürfen wir gewiss sein, dass auch unser Leben vollendet wird, dass auch wir eines Tages «ankommen» – in den Himmel aufgenommen werden, und dass unserem Leben die Krone aufgesetzt wird. Wir müssen nicht schon alles hier auf Erden vervollkommnen und erreichen.

Setzen wir Maria also nie auf einen unerreichbar hohen Altar, verbannen wir sie nicht lehramtsmässig in festgelegte Bilder, denn sie lässt sich dort nicht festhalten. Sie geht den Weg mit uns Menschen, an unserer Seite, als Schwester und Mutter im Glauben. Denn – so endet Kurt Martis Gedicht – «sie war und sie ist vielleibig vielstimmig die subversive hoffnung ihres gesangs».

Katrin Schulze, Theologin

 

«Hodegetria-Ikone»

Bei aller Fülle von Marienbildern und -darstellungen die mir lieb sind, komme ich doch immer wieder auf die ursprünglichste Mariendarstellung der orthodoxen Ikonenwelt zurück. Maria – in der Ostkirche als «Panagia» – Allheilige verehrt – ist die Hodegetria, d.h. die Wegweiserin. Ein Grossteil der verschiedenen Ikonenmotvie sind von der Hodegetria abgeleitet.

Gedanken zum Bild
Maria blickt frei und offen zum Betrachter. Ihr Blick ist auch einladend. Denn mit der rechten Hand weist sie auf Christus. Ihn hält sie zärtlich, mütterlich, sicher und doch nicht festhaltend im Arm und zeigt ihn so der Welt. Christus selber hält die Buchrolle in der einen Hand. Er ist Lehrer und Logos – das Wort Gottes. Die andere Hand hat er zum Segen erhoben.

Ikonographie
Die Schriftzeichen oben rechts und links stehen für «Mater Theou» Mutter Gottes. Das IC XC neben Christus heisst «Iesos Christos». Die drei Schriftzeichen im Heiligenschein heissen «Ho ON» – «Das Sein» oder «Der Seiende». Maria hat drei Sterne auf Schultern und Stirn. Sie bedeuten Jungfräulichkeit vor, während und nach der Geburt.


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16. Mai 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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