Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

Valentin und so …

Ewige Liebe? Gabriele Berz-Albert ist «valentinstagssensibilisiert»

«Pling», macht mein Computer, und neugierig öffne ich die Mail, die gerade angekommen ist. «Von Millionen Menschen bist du der richtige» verkündet ein Restaurant und lädt mich ein zu einem Nachtessen zu zweit. Da dämmert es mir: Valentinstag – alle Jahre wieder. Und ich denke mir: Ewige Liebe – ach ja!

Nun aber bin ich sozusagen «valentinstagssensibilisiert». In den kommenden Tagen fühle ich mich fast verfolgt von Blumensträussen mit rosafarbenen Herzen, von Schokoladepackungen und Pralinéschachteln mit roten Schleifen, von Geschenksets mit Parfums oder Schnapsflaschen, je nachdem. Und ich denke mir: So viel rosarote Verpackung, so viel Traumballons und Wolkenschlösser. Ewige Liebe – oje!

Aufmerksam nehme ich in den nächsten Tagen die Menschen wahr, die mir begegnen. Beim Zugfahren höre ich ihre Gespräche, ob ich will oder nicht. Das junge Mädchen, das sich am Telefon mit ihrem Schatz viel kleiner und dümmer stellt als sie vermutlich ist – nur um ihm zu gefallen. Das Paar in meinem Alter, das sich verliebt an den Händen hält und darüber diskutiert, ob sie den Ehepartnern nun endlich die Wahrheit sagen sollen oder ob es einfacher ist, «wenn es bleibt, wie es ist». Der Businessmann, der wieder einmal zu spät nach Hause kommt und dem am Telefon lautstark die Kappe gewaschen wird, sodass er beim Aussteigen noch erschöpfter aussieht als zuvor. Und ich denke mir: So viel Traurigkeit und Enttäuschung, Angestrengtheit und Verletzung. Ewige Liebe – o nein!

Erst beim Aussteigen sehe ich das betagte Paar, das in seinem Abteil gemeinsam in die vorbeiziehende Landschaft schaut. Sie sprechen nicht miteinander und sehen trotzdem zufrieden aus. Vielleicht ist ja alles gesagt. Als der Zug hält, drückt sie ihm liebevoll die Kappe auf den Kopf und streichelt ihm kurz über das Gesicht. Dann stehen sie auf, er nimmt ihr die Tasche ab, etwas wacklig und unschlüssig steigen sie aus, fassen sich an den Händen und gehen der Wintersonne entgegen. Und ich denke mir: Ewige Liebe – vielleicht doch …

 

 

Gabriele Berz-Albert
… ist Gemeindeleiterin in Spiez. Sie mag wertschätzende, achtsame Menschen. Geduldig spürt sie im Alltag Licht- und Gottesmomente auf.
Illustration: schlorian

 



«Wir nehmen uns die Zeit» im Überblick

6. Februar 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 4
  • Pfarrblatt / Angelus
  • Spirituelles