Die lebendige Spiritualität ist ein Geschenk für die kath. Kirche. Foto: Martin Bichsel

Was Flüchtlinge bewegt

In der asylpolitischen Debatte und der Tagespresse stehen in letzter Zeit Flüchtlinge aus Eritrea im Fokus. Die Asylverantwortliche der Fachstelle Sozialarbeit, Béatrice Panaro, berichtet davon, was diese Menschen bewegt.

In den letzten Wochen nahm ich an zwei Veranstaltungen mit Eritreer*innen teil. An beiden Anlässen wurde thematisiert, was Menschen, mit denen wir unterwegs sind, mit sich tragen. Seit Sommer 2016 setzt das Staatssekretariat für Migration alles daran, eine grosse Anzahl Asylgesuche eritreischer Bewerber abzulehnen, obwohl sich die Lage in Eritrea eindeutig nicht gebessert hat. Am 18. Mai fand deshalb eine Demonstration auf dem Bundesplatz für eine würdige Asylpolitik der Schweiz statt. Daran beteiligten sich rund 1500 Flüchtlinge aus Eritrea.

Auf dem Weg nach Bern fragte ich einen mitreisenden Eritreer, was ihn dazu bewogen hatte, an der Demonstration teilzunehmen. «Die Regierung in der Schweiz hat ein falsches Bild von Eritrea. Wir sind keine Wirtschaftsflüchtlinge, Eritrea ist ein reiches Land, hat viele Bodenschätze. Nun ist alles in der Hand einer Person. Unser Land ist klein und zählt 320 menschenunwürdige Gefängnisse. Niemand aus dem Ausland hat Zugang. Wir hätten gerne Freiheit und eine Gesetzgebung. Für die Freiheit haben wir unser Land und unsere Familie verlassen. Es ist schwierig, ohne Familie zu leben, wir vermissen sie sehr. Wir sind politische Flüchtlinge. In Eritrea haben wir keine Zukunft.»

Was er denn Frau Sommaruga gerne sagen würde: «Ich würde ihr über meine Heimat erzählen. Wenn sie Eritrea gut kennen würde, dann würde sie verstehen, wie die Gefängnisse des Militärs sind. Die Eritreer in der Schweiz haben unterschiedlichen Status. Dies ist nicht nachvollziehbar, weil wir alle aus dem gleichen Land kommen.»

Mein Sitznachbar berichtete von seinen Erfahrungen: «Ich war acht Jahre lang im Militär. Meinen jüngeren Bruder durfte ich einmal im Jahr sehen. Wenn er mit der Grundschule fertig wird, muss er in den lebenslänglichen Militärdienst. Wenn er es nicht tut, landet er im Gefängnis. Was für eine Lebensperspektive ist dies?» Seine Erlebnisse und die Erfahrungen seiner Landsleute werfen eine Frage auf: Ist die Haltung des SEM nicht eher von innenpolitischen Machtspielen verursacht?

Am 5. Mai feierte die eritreisch-katholische Gemeinschaft der Schweiz Mariam Daarit. Die dreistündige Messe in Grenchen wurde vom Bischof von Keren und vom Bischof von Sion zusammen mit Abba Mussie und Abba Medhanie zelebriert. Die eingeladenen Gäste aus den Pfarreien waren beeindruckt, denn die Gottesbeziehung war deutlich spürbar. Diese lebendige Spiritualität ist ein Geschenk für die katholische Kirche und vielleicht auch für die Gesellschaft in der Schweiz.

Flüchtlinge aus Eritrea haben nicht nur mit asylpolitischen Entscheiden, sondern auch mit Vorurteilen ihnen gegenüber zu kämpfen. Wie gehen sie damit um? Am Flüchtlingssonntag wird eine Vertretung der eritreisch-katholischen Gemeinschaft von Bern an der Eucharistiefeier in der Dreifaltigkeitskirche um 11.00 teilnehmen. Eine Gelegenheit, um einander kennenzulernen und nach der Feier in Kontakt zu kommen.

Béatrice Panaro


Fachstelle für Sozialarbeit Bern, FASA

 

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13. Juni 2018
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 25-26
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