Dort lässt sich's gut sein: «Beim Klosterwein» (15. Jahrhundert), Holzstich nach Zeichnung, 1876, von Eduard Grützner (1846–1925). Foto: Keystone/akg-images

«Was ist das Leben, wenn der Wein fehlt?»

Das Bild des weinseligen, rundbäuchigen Klosterbruders ist schon seit Bruder Tuck, Robin Hood’s trinkfreudigem Gefährten, ein populärer Stereotyp in vielermanns Kopf. Doch waren die Klöster wirklich so engagiert in Weinproduktion und -verbrauch? Und wer liefert heute eigentlich den Messwein, neben dem Brot das zentrale Element der Eucharistie? Einige Fakten rund um den vergorenen Traubensaft.

Schon zu Zeiten Jesu ist der Wein bekannt. Dieser macht ihn sogar zum unabdingbaren Element des letzten Abendmahls. Auch in den Psalmen wird die fröhlich machende Wirkung des Weins besungen, und auch der eher asketische Paulus steht dem Traubensaft nicht per se feindlich gegenüber, selbst auch wenn er die Völlerei der Korinther scharf verurteilt. Und Jesus Sirach weiss: «Was ist das Leben, wenn der Wein fehlt?» (Sirach 31,27).
Umso erstaunlicher, ja fast unbiblisch mutet der Kampf der Mönchsväter gegen den Wein an. Sie verurteilen die vernebelnden Eigenschaften des Alkohols und predigen absolute Abstinenz. Etwas lockerer sieht dies dann Benedikt von Nursia: Der Gründer des Benediktinerordens gesteht seinen Brüdern eine Hermina Wein, umgerechnet etwa 3 bis 5 dl, pro Tag zu – wenn auch mit der Bemerkung, es stünde einem Mönch besser an, ganz darauf zu verzichten.

Trotz allem: Die Relevanz des Weins im Rahmen des Letzten Abendmahls machte ihn unverzichtbar für die wachsenden christlichen Gemeinschaften. Hinzu kam, dass die Klöster zunehmend seelsorgerische Verantwortung für umliegende Gemeinschaften übernahmen. Und so ist es nicht erstaunlich, dass sich die Produktion von Messwein zu einer zentralen Aufgabe von Klostergemeinschaften entwickelte, sich das Verhältnis zum Weinkonsum entspannte – und sich viele Mönchsgemeinschaften an Orten ansiedelten, die ideal für den Rebbau waren.

Klosterwein im Emmental?

So auch in der Schweiz. Das Kloster Fahr erhält schon mit seiner Schenkungsurkunde im 12. Jahrhundert Weinbaugebiete in seiner unmittelbaren Umgebung. Das Kloster Engelberg nahm seine Tradition des Kelterns nach 500-jähriger Pause kürzlich wieder auf. Die Benediktinergemeinschaft von Einsiedeln betreibt seit 1562 Rebbau an den Ufern des Zürichsees, und auch im Kanton Bern wurde früher monastisch gekeltert: im Emmental.
Das Kloster Trub wurde von Freiherr Thüring von Lützelflüh im Jahre 1125 dort gegründet, wo heute noch die Dorfkirche von Trub steht. Die Freiheit der Benediktinergemeinschaft wurde im Jahr 1139 päpstlich bestätigt. Und wie in vielen Klostergemeinschaften, spielte der Weinbau im Emmental eine grosse Rolle, wenn auch die Reben nicht an Ort angepflanzt wurden.

Das Kloster Trub besass Weingüter in Cressier und Steffisburg. Von dort wurde der Wein jedes Jahr über Biel und Solothurn nach Burgdorf und von dort ins Kloster geschafft. Bis heute gibt es in Cressier den Ausspruch «Il a chargé pour soleure». Gemeint ist, dass jemand stockbetrunken ist: Offenbar taten sich die Transporteure in Cressier regelmässig am Wein gütlich, bevor er nach Solothurn geschafft wurde. Auch gibt es in all diesen Orten «Maisons du Troub» oder «Truber Häuser».
Es zeigt sich die gesellschaftliche Relevanz der klösterlichen Weinproduktion: nicht nur für die direkte Umgebung, sondern auch für sämtliche Kreise, die an der Produktion beteiligt waren.

Kein Zuckerwasser im Messwein bitte!

Die Tradition des Klosterweins hat sich gehalten. Auch wenn der Messwein längst nicht mehr ausschliesslich von klösterlichen Weinbergen stammt. Dies hat auch mit den gelockerten Bestimmungen der katholischen Kirche in Bezug auf die Messweinqualität zu tun: Lange Zeit war nämlich nur Prädikatswein in der Messe zugelassen, das heisst, die Kirche stellte höhere Anforderungen an die Weinqualität, als sie gewöhnliche Tafel- und Landweine erfüllten. Lange Zeit wurde dem Wein in schlechten Jahren Zuckerwasser hinzugefügt, um die Säure auszugleichen: Das katholische Messbuch liess auf diese Art «gepanschten» Wein nicht zur Messe zu.

Nach und nach wurden die strengen Gütekriterien der Katholischen Kirche auch von den staatlichen Gesetzen übernommen, und so stammt der Wein zunehmend aus privater Produktion. Übrigens: Über die Farbe des Messweins sagen die liturgischen Vorschriften nichts aus. In früheren Zeiten war Rotwein populärer, und die Ostkirchen greifen immer noch zum roten Tropfen. Im Westen hat sich jedoch Weisswein etabliert, was wohl in erster Linie praktischen Nutzen hat: Wer schon einmal Rotweinflecken aus einem weissen Tischtuch entfernen wollte, weiss warum.

Sebastian Schafer

6. Dezember 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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