Die Asylpolitik bleibt kontrovers. Abgewiesene Asylsuchende, die beispielsweise nicht in ihre Herkunftsländer zurückkönnen, brauchen Hilfe und Unterstützung. Hier engagiert sich die Kirche. Foto: Sandra Wenzel/photocase.de

«Wir gehören zur einzigen Familie der Menschheit»

Am 10. Dezember wird in den Gottesdiensten der Stadt und Region Bern die Kollekte für die «Hilfskasse für Menschen in Not» zugunsten abgewiesener Asylsuchender aufgenommen. Wofür wird dieses Geld verwendet? Ein ganz konkretes Beispiel.


Salsawit hat gerade einen jungen eritreischen Mann zu einem Beratungsgespräch begleitet. Sie hatte übersetzt. Er hat einen definitiven negativen Entscheid erhalten und ist besorgt um seinen Bruder in Lybien. Nach dem Gespräch folgt ein Austausch mit Salsawit. Sie kann nicht nachvollziehen, warum die Schweiz die Asylpraxis für Eritreerinnen und Eritreer verschärft hat. Warum sie jetzt unter Druck gesetzt werden, zurückzukehren, obwohl sich die Situation im Herkunftsland nicht gebessert hat. Warum europäische Regierungen Geld nach Libyen schicken, damit die dortige Küstenwache Flüchtlingsboote anhält und deren Passagiere in bewachten Lagern platziert, in denen Misshandlungen an der Tagesordnung sind.

Perspektivenlosigkeit überwinden
Salsawit erzählt von sich: Ihr Vater kommt aus Äthiopien, ihre Mutter aus Eritrea. Aufgrund ihrer doppelten Zugehörigkeit hat sie in Äthiopien lange Ablehnung, Diskriminierung und später Verfolgung erlitten. Sie hat es nicht mehr ausgehalten und ist geflüchtet. Sie hat grosse Risiken auf sich genommen für ein Leben in Würde und eine Zukunft mit Perspektive. Ihr Asylgesuch in der Schweiz wurde abgelehnt. Somit wurde ihr hier eine Zukunft verweigert. «Es ist sehr bedrückend», sagt sie, «da ich nicht zurückkehren kann.»

Unterwegs durch die Wüste und über das Mittelmeer hat sie hautnah erfahren, wie fragil und wertvoll das Leben ist. Nach dem negativen Entscheid vor vier Jahren hat sie eine Strategie entwickelt, um nicht zugrunde zu gehen. In der Perspektivenlosigkeit hat sie ihrem Traum Raum gegeben. Sie will sich für die Menschenwürde von Minderheiten einsetzen. Das Leben, die Intelligenz und die Talente jedes Einzelnen erachtet sie als Geschenk.
Im Raum Bern durfte sie Menschen begegnen, die ihr die Möglichkeit geben, zu lernen. Die Kirche unterstützt sie mit regelmässigen Gesprächen, Deutschkursen und Transportspesen, damit sie mit einer Tagesstruktur leben kann. Studenten laden sie an die Uni oder zu sich nach Hause ein, damit sie an einem ruhigen Ort lernen kann. Diese Möglichkeiten schätzt sie.

Salsawit nimmt die Gelegenheiten wahr, um Brücken zu schlagen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen. Sie ist freiwillig im Deutschunterricht engagiert. Sie versteht die Schülerinnen und Schüler und kennt ihre anfänglichen sprachlichen Schwierigkeiten. Da sie all dies selber erlebt hat, schafft sie Vertrauen und gibt Hoffnung.

Gemeinsam
Seit neun Jahren bin ich mit abgewiesenen Asylsuchenden im Raum Bern unterwegs. In den Begegnungen überwinden wir gegenseitig defensive Haltungen und teilen Leid, Hoffnung und unseren Glauben. Wir erfahren ein Miteinander auf Augenhöhe, denn wir gehören zur einzigen Familie der Menschheit. Dies ermöglicht uns, menschlicher zu werden und die Gesellschaft, in der wir leben, solidarischer und fairer zu gestalten.

Béatrice Panaro

Fachstelle Sozialarbeit Bern FASA

Hilfskasse «Menschen in Not – Asyl» Hilfskasse für Menschen in Not der Fachstelle Sozialarbeit der katholischen Kirche Region Bern (FASA) zugunsten abgewiesener Asylsuchender und für den ökumenischen Mittagstisch. PC 30-10715-1, Gesamtkirchgemeinde Bern, 3001 Bern. Vermerk: Kollekte Asyl.

 

 

6. Dezember 2017
erstellt von «pfarrblatt»
  • Pfarrblatt / Angelus
  • Brennpunkte
  • Soziales