Foto: fotolia/MuzzyCo

Yom asal, yom basal

Der Patient ist noch jung. Er hat aber aufgrund seiner Familiengeschichte schon viel erlebt an Höhen und Tiefen.

Der schwere Bike-Unfall setzt ihm sichtlich zu. Verschlagenes Gesicht, diverse Frakturen von oben bis unten. Das Schwierigste aber sei die Ungewissheit, wie lange der Genesungsprozess dauere: Wann er wieder selbständig duschen und das Spital verlassen könne. Wann er nach Ägypten in seine Heimat reisen und seine Herkunftsfamilie sehen darf. Und ob er im Herbst beim nächsten Trial mittun werde.

Der Mann verblüfft mich mit seiner vorwärts gerichteten Haltung. Obwohl ich weiβ, dass gerade zielorientierte Menschen häufig jene Facetten des Lebens, die weniger «schicklich» sind, ausblenden. Und Emotionen, die unsere innere Verletzlichkeit offenbaren, elegant kaschieren.

Doch bei diesem Patienten beschleicht mich kein solcher Verdacht. Ist es die sympathische Ausstrahlung, die ihn nicht verlassen hat? Seine groβen Augen, die gleichermaβen Freude und Trauer auszudrücken scheinen? Ich weiβ es nicht. Darum frage ich ihn, was ihm solche Zuversicht gebe. Mit den Schultern kann er im Moment definitiv nicht zucken. Aber in vergleichbarer Leichtigkeit antwortet er: «Yom asal, yom basal – ein Tag Honig, ein Tag Zwiebel».

Pfr. Thomas Wild, ref. Co-Leiter Seelsorge Inselspital

Die Kolumnen der Spitalseelsorge im Überblick

14. Mai 2018
erstellt von «pfarrblatt»
  • Pfarrblatt / Angelus
  • Soziales