Diakon Patrick Erni, Imam Azir Aziri und Hans Weber von der Pfarrei St. Marien Thun. Foto: Christina Burghagen

Zwei gemeinsame Säulen des Christentums und des Islam

In Thun veröffentlichen die Verantwortlichen der katholischen Pfarrei St. Marien und der IKRE-Moschee eine Erklärung mit ihren Gemeinsamkeiten. Sie machen das an zwei Säulen fest. Frieden und Respekt auf der einen Seite, Achtung voreinander und verzicht auf Mission auf der anderen Seite. Wir haben mit Hans H. Weber, der treibenden Kraft hinter dem Projekt, Fragen gestellt.


Von Andreas Krummenacher


Anlass für das Papier seien die «endlosen Debatten über die kaum beweisbare islamische Gefahr in der Schweiz», heisst es in einer Medienmitteilung. Der Imam der Thuner IKRE-Moschee Azir Aziri und die Verantwortlichen der Thuner Pfarrei St. Marien hätten darum eine «Satzung zum interreligiösen Frieden gesetzt».
Weiter heisst es: «in gegenseitiger Übereinkunft setzen wir hier in Thun den gemeinsamen Weg für den Frieden und Akzeptanz dieses Jahr 2019 weiter.» Die beiden Religionsgemeinschaften haben sich im «Forum für den interreligiösen Dialog Thun» zusammengefunden. Dieses Forum zeichnet denn auch verantwortlich für die Erklärung.

Diese lautet:

«Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen
Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Die erste Säule:
Wir arbeiten im Namen unseres Gottes. Wir arbeiten im Auftrag Gottes, den Frieden unter den Menschen zu fördern. Wir vertrauen auf die Gnade und Güte unseres Gottes. Wir respektieren beide Religionen, den Islam und das Christentum, in voller Achtung. Wir arbeiten in voller religiöser Freiheit unser gemeinsames Ziel zu verfolgen.

Die zweite Säule:
Wir werden unseren Glauben nicht gegeneinander ausspielen. Wir werden gegenseitig auf jegliche missionarische Interventionen verzichten. Wir lieben den eigenen Glauben und achten der der anderen. Wir arbeiten in voller Übereinkunft für den religiösen Frieden zusammen. Wir sind absolut gleichberechtigte Partner in unseren Projekten und interreligiösen Anlässen. Wir verpflichten uns der gegenseitigen Achtung und stellen uns unter den göttlichen Beistand.

Die Pfarrei St. Marien, Thun, Diakon Patrick Erni
P.L. FORUM-interreligiöser DIALOG, Hans H. Weber
IKRE-Moschee, Thun, Imam Azir Aziri

 

Wir haben dem unterzeichnenden Ökumene-Beauftragen der Pfarrei, Hans H. Weber, Fragen zur Entstehung dieses Papiers gestellt.

«pfarrblatt»: Wie kam es zu dieser Übereinkunft? Wer hat das initiiert?

Hans H. Weber: Der Imam Azir Aziri und ich treffen uns wöchentlich zum Gespräch. Im Verlauf unserer Zusammenarbeit, im letzten Jahr, haben wir unsere Ideen in der Praxis ausprobiert. Die Zusammenarbeit zwischen der Pfarrei St. Marien und der IKRE-Moschee hat sich für beide Seiten äusserst gewinnbringend entwickelt.

Aus den gemachten Erfahrungen haben wir beschlossen, eine Satzung als gegenseitige Verpflichtung zu verfassen. Ebenfalls im Hinblick, dass eine solche Fassung auch für weitere Projekte dieser Art verwendet werden kann. Bis jetzt wurde uns nicht bekannt, ob innerhalb der interreligiösen Kontakte weiterer Organisationen eine solche Vereinbarung besteht. Die Initiative kam aus dem Bedürfnis von uns beiden.

Wieso gerade jetzt eine solche Stellungnahme?

Wir werden während diesem Jahr etliche Besprechungen zum interreligiösen Dialog führen. Innerhalb des SZIG (Anmerk. Schweizer Zentrum für Islam und Gesellschaft, Uni Fribourg) Wir haben bereits Gespräche mit der Sozialinstitution Asyl-Berner Oberland aufgenommen und diese Satzung vorgelegt. Wir arbeiten bewusst an der Basis unserer Bevölkerung und den Pfarrei- und Moschee-Mitgliedern. Um hier zu bestehen, sind klare Positionen zu Gunsten der Glaubwürdigkeit angebracht. Wir möchten in Thun mehr handeln und weniger reden: «Man sollte, man müsste, man könnte».

War die Formulierung dieser beiden Säulen ein langer Prozess, war es schwierig, diesen gemeinsamen Nenner zu finden?

Wie bereits erwähnt ist diese Satzung ein Resultat der einjährigen, vorsichtigen und auf absolutem Vertrauen basierenden Zusammenarbeit. Die Satzung haben wir zwei innerhalb eines Gespräch Termins, Mitte Januar 2019, beschlossen. Danach erfolgte die gegenseitige Korrekturphase, ob die Satzungen mit dem Evangelium und dem Koran vereinbar sind. Welche Grundzüge der gegenseitigen religiösen Freiheit identisch sind. Ob ich als Christ und Azir als Moslem die Satzungen der zwei Säulen vollumfänglich anerkennen können.

Hätten wir keine Erfahrungen im Dialog gehabt, wären die Satzungen kaum entstanden. Mit dem Erfahrungsschatz konnten wir in aller Kürze die Hauptsäulen der Zusammenarbeit ohne Schwierigkeiten definieren. Der Imam ist islamischer Theologe, er studierte an der Universität in Medina. Er hat in seiner Heimat, Mazedonien, unterrichtet und den Koran geleert. Er ist ein kompetenter Imam und geniesst einen sehr guten Ruf, auch ausserhalb von Thun. Unsere gegenseitigen theologischen Kenntnisse haben uns erlaubt, die Satzung der zwei Säulen aufzustellen.

Wo waren die Hindernisse, wenn es denn welche gab?

Dazu kann ich bewusst antworten, dass es keinerlei Hindernisse gegeben hat. Wir waren im gegenseitigen Austausch mit unseren Mitgläubigen verbunden. Meine Kontakte zur IKRE fanden immer auf gleicher Augenhöhe statt. Ich bin, obwohl ich praktizierender Katholik bin, dennoch wöchentlich am Mittagsgebet in der Moschee zugegen. Daher kenne ich die persönliche Einstellung meiner muslimischen Freunde gegenüber uns Christen sehr genau. Von deren Seite gab es keinen Widerstand. Die spontane Öffnung, dass die Muslime der IKRE-Thun (Anmerk.: Islamischer Verein Thun) selbstbewusst Präsenz zeigen, hat das Friedensgebet ermöglicht.

Können Sie abschätzen, wie das in der Pfarrei, bei den Menschen ankommt? Oder ist das gar noch nicht so bekannt?

Unsere Erfahrungen, nach dem erfolgreichen Friedensgebet in Thun, waren absolut positiv. Wir werden dauernd daran erinnert, dieses Jahr wieder ein Friedensgebet durchzuführen. Dass es immer Leute gibt, die sich kritisch äussern ist eine Tatsache. Nur die Arbeit und die gegenseitige Aufklärung und Orientierung, kann Vorurteile beseitigen. Die Akzeptanz ist jedenfalls ermutigend gross bei unseren Mitchristen und Menschen, die uns kennen. Den nun eingeschlagenen Weg, werden wir unter Gottes Hilfe weitergehen. Ausser dem Friedensgebet 2019, planen wir ein Fussballtournier, den vertieften Austausch über das Wesen beider Religionen.

Was sind ihre Hoffnungen und Wünsche, die sie mit diesem Dokument verbinden?

Wir möchten einen Beitrag für das friedliche Zusammenleben zwischen Christen und Moslems geben. Wir versuchenden Vorurteile gegenüber Andersgläubigen durch gegenseitige Aufklärung und Akzeptanz abzubauen. Vielleicht gelingt es uns. Azir und ich bauen auf die Hilfe Gottes für mehr Menschlichkeit und Würde gegenüber unseren Mitmenschen.

Für dieses Jahr haben wir eine gegenseitige Informationskampagne geplant. Bereits sind Anfragen zum Besuch der Thuner Moschee von Nichtmuslimen eingegangen. Das Interesse gegenseitiger Aufklärungsarbeit ist auf beiden Seiten stark. Es sind nicht nur Menschen aus unserer Pfarrei an einem Dialog interessiert, auch seitens der Sozialdienste begrüsst man unseren Einsatz zur Mithilfe in der Betreuung von Asylsuchenden Menschen und die Aufklärungsarbeit als Beitrag zur Prävention gegen die Radikalisierung jugendlicher Moslems. Das Dokument soll in kurzen Sätzen unser gemeinsames Ziel artikulieren.

 

Hinweis:
Wir haben schon mehrfach über den interreligiösen Dialog und die Ökumene in Thun geschrieben, auch und vor allem über Hans H. Weber:

Interview mit Hans H. Weber, Zeitalter des Schulterklopfens, Dezember 2017

Zum islamisch-christlichen Friedensgebet, Eine Atmosphäre des Friedens, November 2018

 

 

31. Januar 2019
erstellt von «pfarrblatt» online
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