Einführung

Es gibt Sätze, Sinn- und Denksprüche, die wir besonders mögen. Worte, die man nicht vergisst. Eine Zeile, die wir irgendwo notiert haben. Sätze, die besonders wahr erscheinen. Es sind vielleicht Sätze, die in uns etwas zum Klingen bringen. Sätze, die von Träumereien, von Möglichkeiten, vom Glück erzählen.
Peter Bichsel schreibt in seinen Frankfurter Poetik-Vorlesungen, dass für ihn Lesen immer und unabhängig vom Inhalt der Eintritt in eine Gegenwelt ist. Das würde heissen, schon die Tatsache, dass wir lesen, verändert unseren Bezug zur Realität. Beim Lesen brauchen wir unsere Vorstellungskraft.
Gibt es Texte aus der Bibel, die in meinem Leben einen Abdruck hinterlassen haben?

Lesen weckt in uns einen Möglichkeitssinn. Wir beginnen als Leserin und Leser zu erfinden: Es könnte, sollte oder müsste geschehen. Das bedeutet nicht unbedingt, dass wir vor der bitteren Realität flüchten. Nur wenn wir uns etwas vorstellen können, wird es für uns überhaupt wünschbar. Nur wenn für uns denkbar wird, was ebenso gut sein könnte, wird uns klar, was ist.
Vielleicht haben wir bei diesen Sätzen auch einen aus der Bibel dabei. Die Bibel ist ja geradezu spezialisiert aufs Vorstellen, aufs Vorträumen. In ihr erzählen uns ganz unterschiedliche Menschen auf ihre je eigene Art vom guten Anfang und vom guten Ende. Und was es von uns Menschen dazu braucht. Das Besondere an den Geschichten in der Bibel ist, dass sie Verkündigungstexte sind.
Die Texte wollen so verstanden werden, dass sie eine Wirkung haben. Wir setzen sie in Beziehung zu uns als Lesende und zu unserem Lebenszusammenhang. Und wir verstehen die Bibeltexte in jeder konkreten Situation, in der sie gelesen und ausgelegt werden, neu und anders.

Für die diesjährige «pfarrblatt»-Serie haben wir junge Menschen gebeten, uns zu Mitleserinnen und Mitlesern von Bibeltexten zu machen, die in ihrem Leben einen Abdruck hinterlassen haben. Sie haben eine Bibelstelle ausgelesen. Sie erklären uns, wie sie diesen Bibeltext auslegen, wie sie ihn verstehen. Und sie zeigen uns, wie sie diese Bibelstelle «ausleben», sie erzählen also, wie sie die biblischen Worte in ihrem je eigenen Kontext mit Leben füllen.

 Benjamin Ruch, Theologe, Bern

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