Sommerserie Teil 3

Sommerserie «Ich will dir singen und spielen»

 

... Teil 3 ...

Bewegen, atmen, singen

Kann man mit 18 Sängerinnen und Sängern überhaupt Chormusik gestalten? Sie ist nicht in Verlegenheit zu bringen. Monika Stasiukènaitè. Foto: Pia Neuenschwander

«Was mir Kirchenmusik bedeutet?» Monika Stasiukènaitè lacht über diese Frage. Darüber denkt sie gar nicht nach, so selbstverständlich gehört für sie die Kirchenmusik zum Leben. «Kirchenmusik ist wie das Essen», sagt sie: «Notwendig! Es bedeutet, mit Gott zu reden, in einer gesteigerten emotionalen Form zu beten. Jeder Mensch braucht das!»

Aus Litauen

Die 26-jährige Musikerin ist im litauischen Kaipeda aufgewachsen. Ihren Grosseltern, die aus dem Memelland stammten, verdankt sie die lutherische Konfession. Die Begeisterung für Musik war von Anfang an vorhanden, Monika erhielt eine solide Klavierausbildung und sang im Jugendchor der Kirchgemeinde mit.

Im Alter von 16 Jahren übernahm sie auf Wunsch des Pfarrers die Leitung des Chors, was aber nicht alle Chormitglieder goutierten. Die meisten gingen, mit drei Unverzagten zusammen blieb ihr nichts anderes übrig, als akribisch A-capella-Gesang zu üben, unkonventionelle Formen zu wagen, nicht aufzugeben ... Als Maturandin wusste die musikbegeisterte junge Frau dann nicht genau, wohin der Weg führen sollte. Er führte schliesslich an die Musikhochschule Lübeck, nach Abschluss der Studien in Lübeck und Wien absolviert Monika nun an der Musikakademie in Basel den Masterstudiengang in Musikpädagogik. Von hier aus begann sie die Fühler auszustrecken nach beruflicher Tätigkeit, heute ist sie Leiterin des Kirchenchors in Erlinsbach und des ökumenischen Kirchenchors Büren an der Aare.

Ökumenisch

Im Berner Seeland trifft sie auf einen Kirchenchor, der eine ganz besondere Geschichte hat. «Im Jahr 1919 wurde der reformierte Kirchenchor gegründet», erzählt Christine Stähli, die Präsidentin des heute ökumenischen Kirchenchors.

«Der Chor sang an vielen Sonntagen pro Jahr vorwiegend Lieder aus dem Gesangbuch, nur ganz selten ‹grosse› Werke.» 1983 wurde in Büren der katholische Kirchenchor St. Katharina gegründet. «Wir waren ein Familienchor », erinnert sich Franziska Helmers, Chorsängerin und engagiertes Pfarreimitglied. «Frauen, Männer und Kinder waren begeistert, die Gottesdienste im erst ein paar Jahre alten Pfarreizentrum St. Katharina musikalisch mitgestalten zu dürfen.» Der Chor erlebte gute und schwierige Zeiten. Zwei «singende» Familien zogen gleichzeitig aus der Pfarrei weg, die Männer-Register bröckelten ... Im Sommer 1994 wurde der Chor aufgelöst – nicht ohne Hoffnung, dass dereinst etwas Neues entstehen könnte, und das geschah dann ein gutes Jahrzehnt später.

Foto: Pia Neuenschwander

Die ab 2001 als Leiterin des zunächst noch reformierten Kirchenchors wirkende Musikerin Rebecca Zimmermann schlug kurz nach ihrem Antritt vor, in Büren einen ökumenischen Kirchenchor zu gründen. Die Idee fand Anklang, musste jedoch einen langen Weg durch viele Sitzungen gehen, bis es im Jahr 2006 zum Zusammenschluss kam. Träger des ökumenischen Kirchenchors sind die evangelisch- reformierte und die katholische Kirchgemeinde, sie beteiligen sich je zur Hälfte an den Betriebskosten des als Verein geführten Chors. Die 18 Sängerinnen und Sänger proben jeden Donnerstag, sie gestalten ihre Einsätze im Modus «pro Jahr zwei Mal in reformierten, zwei Mal in katholischen und zwei Mal in ökumenischen Gottesdiensten» und stellen sich damit beträchtlichen liturgischen und musikalischen Anforderungen. Seit Herbst 2012 leitet Monika Stasiukènaitè den Chor. 

Begeisterung und Fantasie

Kann man mit 18 Sängerinnen und Sängern überhaupt Chormusik gestalten? Monika ist nicht in Verlegenheit zu bringen. «Das habe ich bereits in Litauen gelernt: Man muss mit dem Vorhandenen kreativ umgehen und etwas gestalten, es nützt nichts, zu klagen, im Gegenteil: Mit Begeisterung und Fantasie bringt man immer etwas zustande!» Monika erzählt von der Bewegung, die für sie eminent wichtig sei: «Wenn man mit Musik bewegen will, muss man selbst beweglich sein. Der ganze Körper muss einbezogen sein, atmen, singen – und wenn dieses Engagement da ist, kann ich auch mit einem kleinen Chor etwas erreichen!» Sie räumt allerdings ein, dass die Suche nach neuen Mitgliedern, vor allem Männern, ein Dauerthema sein muss, dass es schön wäre, einige neue Sängerinnen und Sänger zu begrüssen.

Die Sängerinnen und Sänger haben einiges vor, unter anderem wird der Chor in der Kulturnacht vom 14. September in Büren auftreten (www.kulturnacht-rlb.ch). Monika Stasiukènaitè wohnt in Basel und fährt für Chorproben und Orgeleinsätze ins Seeland. Hat sie dort einen Lieblingsort? «Die Aare», sagt sie spontan. Sie findet die Flusslandschaft um Büren herum schön und erholsam, sogar dann, wenn sie nur selten Zeit für lange Spaziergänge hat und die Gegend oft nur von Zug und Bus aus bewundern kann.

Marie-Louise Beyeler 

 

Zweites Vatikanisches Konzil 1963–1965
Kirchenmusik in der Liturgiekonstitution «Sacrosanctum Concilium»

Fantasie und Beweglichkeit

Manch ein Kirchenmusiker oder eine Liturgin rauft sich die Haare, wenn er oder sie den Vorgaben in Sacrosanctum Concilium gerecht werden will. Den kostbaren Schatz unserer Kirchenmusik bewahren, diese auch im Gottesdienst zum Klingen bringen – das erfordert Können und grosszügige Budgets für Kirchenmusik. Braust die Orgel durch den Kirchenraum, wird Art. 120 erfüllt: Dort wird die Pfeifenorgel als das traditionelle Instrument der lateinischen Kirche bezeichnet. Andere Instrumente dürfen «nach Ermessen und Zustimmung der für die einzelnen Gebiete zuständigen Autorität» zugelassen werden, sie müssen jedoch für die Liturgie geeignet sein. Wenn der Kirchenchor ein grosses Werk «aufführt» oder wenn Gregorianik erklingt, erfüllt sich die Vorgabe, den kostbaren Kirchenmusik- Schatz zu bewahren. In den meisten Fällen ist solches Musizieren denn auch von Erfolg gekrönt, die Gottesdienstbesuchenden danken mit Applaus für das Gebotene. Gilt es jedoch, die eingeforderte aktive Teilnahme an der Liturgie zu realisieren, geht es nicht bloss um die Frage nach der «Singbarkeit» der Kirchenlieder, sondern um die «Singfähigkeit» der Gemeinde. Der Berner Kirchenmusiker Kurt Meier (siehe «pfarrblatt» Nr. 29/30, Teil 2 der Sommerserie) stellt fest, dass ganz einfach «weniger gesungen wird». Auch wenn in Sacrosanctum Concilium zur Pflege des religiösen Volksgesangs ermuntert wird (Art. 118) und die musikalischen Traditionen in den einzelnen Ländern in die Liturgie eingebracht werden dürfen (Art. 119): Die Realität zu Beginn des dritten Jahrtausends zeigt eine neue Situation auf. Sie erfordert von Liturgen und Kirchenmusikern viel Freude am Ausprobieren von Neuem, Fantasie und Beweglichkeit.

mlb

Literatur: Karl Rahner/Herbert Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium, Freiburg 2008.