Sommerserie 15 - Teil 3

Mutige Reisende mit einem abenteuerlichen Ziel

«Ein Ferienlager ist ein eigener Kosmos» – Mädchenzimmer im Jurahaus in Travers.

35 Mädchen und Buben verbrachten diesen Sommer mit sechs Leitungspersonen der ökumenischen Jugendarbeit Spiez ein Sommerlager im neuenburgischen Val de Travers. Geweckt wurden Kreativität, Kompetenzen und Begeisterungsfähigkeit. Nicht für sich alleine, sondern zugunsten einer ganzen Gruppe.

Von Marie-Louise Beyeler

Am Neuenburgersee scheint die Sonne, über dem Val de Travers liegen dicke, nach der Gewitternacht hängen gebliebene Regenwolken. Im Sommerlager der Jubla Spiez ist die Abkühlung nach einigen heissen Tagen höchst willkommen. Die ganze Lagerbesatzung ist nämlich unterwegs nach Atlantis, auf der Suche nach dem Heiligen Wal. Diese abenteuerliche Reise ist bis jetzt recht gut gegangen, heute Morgen früh ist nun aber Schreckliches passiert: Die Lager-Leiter sind entführt worden, jetzt müssen die 35 Kinder selbst zurechtkommen. Die älteren Teilnehmenden haben das Ruder übernommen und das scheint gut zu klappen…Es ist später Vormittag, trotz leichtem Nieselregen besammeln sich die Kinder im Garten des alten Jura-Hauses und teilen sich in Gruppen auf für verschiedene Spiele.
Derweil herrscht in der Küche Hochbetrieb: Die Reisenden nach Atlantis werden auch heute Hunger kriegen und sich in absehbarer Zeit im gemütlichen, holzgetäfelten Esszimmer zu Tisch setzen. «Meinsch, das isch jetz guet?», fragt eine der jungen Köchinnen und schneidet die letzten Erdbeeren in die riesige Schüssel mit Haferflocken. Gemeinsam wird beschlossen, dass die Dosen mit Pfirsichen nicht auch noch geöffnet werden. Da seien jetzt genügend Früchte drin, meint der eine, schliesslich habe er doch schon eine Unmenge von Äpfeln gerieben. Das Werk ist somit vollendet, das Birchermüesli kann jetzt noch ein wenig ruhen, bald geht’s ans Tischdecken. Am Nachmittag wird die grosse Kinderschar dann gestärkt und ausgeruht die Suche nach den Leiterinnen und Leitern wieder aufnehmen. Bestimmt stellt sich im Lauf des Nachmittags der Erfolg ein…
Ich verrate keinem der Kinder und Jugendlichen, dass ich das Leiterteam bereits gefunden habe. Michel Dängeli, Julia Schädeli, Oliver Schneitter, Franziska Wacker, Fränzi Häni und Flurin Gächter sind keineswegs verschollen, sondern natürlich im Hintergrund mehr als präsent, immer mit einem diskret aufmerksamen Auge über dem heute von den Jugendlichen selbst gestalteten Programm. Dabei finden sie Zeit, um über ihre Tätigkeit in der Lagerleitung Auskunft zu geben.
«Das ist in diesem Jahr meine einzige Ferienwoche im Sommer», sagt die angehende Pharmazie-Studentin Julia, «aber ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen als hier im Lager mitzumachen. Ein Ferienlager ist ein eigener Kosmos, einfach etwas völlig anderes als der ‹PC-Badi-Ferienalltag›. Man macht praktisch alles im Team und ist viel im Freien. Hier werden sowohl von uns Leitenden als auch von den Kindern und Jugendlichen Fähigkeiten herausgefordert, entdeckt, gefördert, die im (Schul) Alltag nicht gefragt sind.» Auch die Logopädin Franziska, die Elektromonteurin Fränzi und der HochbauzeichnerLernende Flurin verbringen hier eine «Ferienwoche» als Leitpersonen. 

Ökumenisch geht’s besser…

Michel Dängeli und Oliver Schneitter sind sozusagen beruflich hier. Beide arbeiten als kirchliche Jugendarbeiter in Spiez, Michel bei der reformierten Kirchgemeinde, Oliver in der katholischen Pfarrei, beide zu je 20 Prozent. Dass sie sich gemeinsam dafür engagierten, in Spiez eine Jubla zu gründen, hat vielerlei Gründe: Da sind einmal ihre persönlichen und positiven Erfahrungen von kirchlicher Jugendarbeit, da ist ihr grosses Engagement, Kindern und Jugendlichen eine sinnvolle Freizeitgestaltung zu ermöglichen – und dies in ökumenischer Zusammenarbeit. Ihre Arbeit trug Früchte, die reformierte und die katholische Kirchgemeinde einigten sich auf dieses gemeinsame Projekt. Michel Dängeli verschweigt nicht, dass es für alle Beteiligten einige Arbeit und Mut zu neuen Wegen erforderte, dass Vorurteile und Gewohnheiten aufgegeben werden mussten, dass sich der Aufwand jedoch gelohnt hat. Ende 2014 konnte der Verein Jubla/Ökumenische Jugendarbeit Spiez gegründet werden.
«Die JublaStruktur gibt einen guten Rahmen », sagt Michel Dängeli, ehemaliger JublaKantonalpräses. Die Organisation Jungwacht Blauring ist der zweitgrösste Kinderund Jugendverband in der Schweiz. Sie ist mit der katholischen Kirche verbunden und offen für Kinder und Jugendliche aller Konfessionen und Kulturen. Rund 28 000 Kinder und Jugendliche, verteilt auf 430 örtliche «Scharen», verbringen an Anlässen und in Lagern gemeinsame Zeit, erleben einiges beim Erkunden der Natur, bei Spiel und Spass. Etwa 8500 der JublaMitglieder sind Leiterinnen und Leiter, sie erwerben die nötigen Fach, Sozialund Leitungskompetenzen in Ausbildungskursen – so ist an allen Anlässen und in jedem Lager ein vielseitiges und stufengerechtes Freizeitangebot garantiert.
Das ist auch in Spiez so. Die «neugeborene» Jubla findet ihren Schwerpunkt zurzeit in der Planung und Durchführung des Sommerlagers. Dass 35 Kinder, alle zwischen 9und 15jährig, daran teilnehmen, ist für das neu zusammengesetzte Leitungsteam ein Erfolg. Auf die Frage, wie sie ihre Sache unter die Leute oder vielmehr Kinder bringen, halten sie sich bescheiden. «Die beste Werbung ist ein gutes Lager», lacht Oliver. Wer von tollen Tagen unter Gleichgesinnten, in der Natur, in dieser ganz besonderen Stimmung schwärmt, zieht Nachfolgende mit sich, da sind sich alle Leitenden einig. Und jedes Lager ist auch wieder Gelegenheit, Jugendliche für die Ausbildung zur Leiterin, zum Leiter zu ermutigen. «Ein Lager soll nicht ein topdownorganisierter Anlass von Erwachsenen für Kinder sein, sondern den älteren Teilnehmenden die Möglichkeit bieten, eigene Kreativität, Kompetenzen, Begeisterungsfähigkeit zugunsten einer ganzen Gruppe zu finden und zu entwickeln», heisst es im Team der Leitenden. 

«Ganz anders als der PC-Badi-Ferienalltag.»

Gelebtes Christsein

Die reformierte und die katholische Kirche in Spiez tragen die Jubla, tragen dieses Lager inhaltlich und finanziell mit, im Lager selbst hält sich die «Kirchlichkeit» im Hintergrund. Die Spiezer Pastoralassistentin Monika Federer erteilte bei der Abreise den Segen, am Lagerfeuer gibt es Momente der Stille, ansonsten will man Rücksicht nehmen auf die ökumenische Situation, auf die unterschiedlichen Lebenssituationen der Mädchen und Buben. «Es soll hier nicht missioniert werden – aber es darf spürbar werden, was ‹gelebtes Christsein› ist», sagt der Theologe Oliver Schneitter. Und so wird der aufregende Tag «ohne Leitende » bestimmt gut zu Ende gehen. Man wird die Entführten finden, verpflegen, mit Freude wieder aufnehmen im Lageralltag in Travers. Die Reise nach Atlantis kann dann hoffentlich wieder «in voller Besetzung» und ohne namhafte Schwierigkeiten weitergehen, der Eifer der Abenteurer lässt vermuten, dass der Heilige Wal gefunden wird – und wenn dieses Ziel erreicht ist, geht’s dann nach ein paar Tagen weiter an den Thunersee. Zurück in Spiez werden die 35 Mädchen und Buben und wohl auch das Team der Leitenden einiges zu erzählen haben – und die Erinnerung an unvergessliche Tage im Lager mit hinausnehmen ins Leben.

Infos: www.jubla.ch; facebook: öjas jubla spiez

Fotos: Pia Neuenschwander