Gott und die Welt: Auf der Suche nach Antworten. Foto: Gabriel Lamza, unsplash.com

101 Fragen und mehr

Vielleicht ist es Ihnen schon aufgefallen: Im Kirchenraum im Haus der Religionen findet sich kein Kreuz. Das Christentum wird im interreligiösen Kontext meist mit dem Symbol des Kreuzes gekennzeichnet. Auch im Haus der Religionen steht neben dem buddhistischen Rad, dem muslimischen Halbmond und den anderen Religionszeichen das christliche Kreuz. Warum also fehlt das Kreuz im Kirchenraum?


Von Angela Büchel Sladkovic


In der Frage nach dem Kreuz im ökumenischen christlichen Raum stecken weitere kleine und grosse Fragen. Was trennt und verbindet die Kirchen? Was ist ein Symbol? Wie können wir Jesu Tod und Auferstehung verstehen? – Wer sich mit Religion vertraut machen will, kommt von einer Frage in die andere. «Die 101 wichtigsten Fragen» lautet der Titel einer kleinen Einführung ins Christentum. Die wichtigsten Fragen sind vermutlich die eigenen; sie führen auf spannende und mitunter spannungsvolle Wege. Der Kurs «Gott und Welt verstehen» lädt dazu ein, den Fragen auf den Grund zu gehen, und eröffnet Perspektiven.

Unterdrückung und Befreiung

Doch zurück zur Frage: Das Kreuz ist ein Instrument des Todes und erinnert an die brutale Hinrichtung Jesu. Es steht nicht für Licht und Schönheit wie die Lotusblüte, das Feuer, den Tanz und andere religiöse Symbole. Das Kreuz steht im Minimum für Hoffnung. Als Zeichen der Auferstehung drückt es die Hoffnung aus, dass das Leben nicht verloren geht, dass im schändlichsten Tod Gott da ist, dass es eine Macht gibt, die grösser ist als alle Gewalt… Der Glaube an Jesus Christus und die in seinem Leben und Sterben verbürgte Hoffnung vereint alle christlichen Kirchen.

Warum also fehlt das Kreuz im Kirchenraum? Zu den acht Konfessionen, die den christlichen Raum im Haus der Religionen mittragen, gehören Kirchen, die eine Geschichte der Vertreibung hinter sich haben, die bis heute präsent ist. Die Mennoniten etwa wurden als Täufer*innen von den staatlichen und kirchlichen Obrigkeiten drangsaliert und verfolgt. In der Schweiz durften sie lange Zeit nur in den Jurahöhen siedeln. Auch die Herrnhuter Sozietät, deren Wurzeln in der böhmischen Reformation um Jan Hus liegen, hat nur dank des ihnen gewährten Schutzes im benachbarten Sachsen überlebt. Die Herrschaft und den Zwang unter die eine Ordnung führten die Obrigkeiten über die Jahrhunderte auch im Namen des Kreuzes aus.

Vielfalt und Einheit

Das Christentum entwickelte sich von Anfang an vielgestaltig. Niemand hat das alleinige Anrecht auf Jesus. Es gibt die synoptische und die paulinische Tradition, beide sind Ausdruck des Glaubens an Christus. Es kennt zwei Testamente, vier Evangelien und viele Kirchen in Ost und West. Angesichts dieser pluralen Gestalt und Geschichte ein Symbol zu finden, das alle vereint, ist gar nicht so einfach. Und doch ist es vielleicht im Kirchenraum im Haus der Religionen zu entdecken. Da lässt sich in den Kreisen und Formen an der Decke ein Fisch erkennen – ein altes Symbol für Christus. Die fünf Buchstaben des griechischen Wortes Fisch ergeben ein Bekenntnis: Jesus Christus Sohn Gottes Erlöser. Was aber heisst Erlösung? 101 Fragen und mehr!

 


Wer Interesse an heutigen Glaubensfragen hat, ist in den Kursen «Gott und Welt verstehen» richtig. Diese sind offen für Gläubige wie Zweifelnde, Naturwissenschafter*innen wie Handwerker*innen. Sie sind zudem Grundlagenfächer für alle, die sich als Katechet*in ausbilden wollen (ForModula).
Leitung: Isabelle Senn, Angela Büchel Sladkovic und Benjamin Ruch.
Infoabend am Mittwoch, 28. August, 19.30–20.45, Haus der Begegnung, Mittelstr. 6a, 3012 Bern.
www.sinn-bildung.ch

 

 

 

21. August 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 18
  • Pfarrblatt / Angelus
  • Veranstaltungen