Al Imfeld beim Napfgebiet. Der Afrikakenner, Autor und Theologe ist im 14. Februar gestorben. Ein Nachruf auf Seite 2. Foto: Chr. Burghagen

Al Imfeld

Zum Tod von Al Imfeld, 14. Januar 1935 bis 14. Februar 2017: Journalist, Priester, Freigeist, Geschichtenerzähler, Afrika-Kenner, Seelsorger und und und … Karl Johannes Rechsteiner war seit langem mit Al Imfeld befreundet und erinnert sich.

Einen Steinwurf vom Zürcher Hauptbahnhof entfernt wohnte Al Imfeld an der Konradstrasse, seinem warmen Nest in einem Altbau, die Toilette draussen auf dem Stockwerk, unbeheizt. Seine Stube war wie ein pulsierendes Herz. Hier trafen sich viele Menschen – Gescheite und Gescheiterte, Fragende und Gefragte, Fromme und andere Kämpfer, Leute von der Gasse oder der Uni. Gute Seelen, die sich hier vernetzten und verbanden. Jeden Samstag wurde für ein halbes oder ganzes Dutzend Frauen und Männer gekocht, zum Beispiel eine der scharfen, kräftigenden Suppen von Al. Fleisch war nicht wichtig, aber Markbeine wurden mitgekocht, die Kraft geben und Aroma. Afrikanische Farben, Muster und Gedanken schwangen immer mit. Al Imfeld verband Welten und brachte den Reichtum Afrikas zu uns. Immer kritisch und kreativ, nie dogmatisch, ein Menschenfreund. Im Zimmer nebenan schlief jemand ohne Logis. Sein Tisch schuf Heimat für viele.

Zuerst war Al Imfeld Journalist. Denn in Rom eckte er im Studium an, wurde in den USA vom Bischof nach Harlem abgeschoben, wo er in die Bürgerrechtsbewegung eintauchte und deshalb seinen Kirchenjob wieder verlor. Er überlebte als Schreiber und wurde nach Vietnam geschickt. Noch unter der Apartheid engagierte er sich im damaligen Rhodesien, war auch hier zu unbequem. Doch er blieb Mitglied der Immenseer Missionare. Die schwarze Geschichte liess ihn nicht mehr los. Als Schriftsteller schuf er Standardwerke für Generationen, Bücher zu Zucker etwa oder Anthologien über afrikanische Literatur. Vor zwei Jahren erschien sein epochaler Gedichtband «Afrika im Gedicht», der auf über 800 Seiten ein authentisches Bild dieses Kontinents vermittelt, nicht rückständig, sondern mit Perspektiven und Visionen. Und diese Woche hat die Buchvernissage für «Agro-City» ohne ihn stattgefunden, mit Al Imfelds Skizzen für eine afrikanische Urbanität.

Als ich ihn 1986 um ein Vorwort für ein Namibia-Lesebuch bat, wollte er vorab nur den historischen Beitrag lesen, um zu erkennen, ob ich keine kolonialistische Sichtweise einnähme. Er schenkte mir zusätzlich ein Kapitel über die Völker der San und Khoi-San, die eine hochentwickelte spirituelle Lebensweise für die Wüste entwickelt haben, von Europas Historikern als «Jäger und Sammler» abgewertet. Al Imfeld kämpfte für andere Sichtweisen. Als ihn ein Redaktor fragte, für welches Zielpublikum er denn schreibe, schüttelte er nur den Kopf. Als leidenschaftlicher Schreiber fand ihn sein Zielpublikum immer. Oft blieb er allerdings ein einsamer Rufer, zum Beispiel als er Anfang der 90er-Jahre das Desaster der US-Intervention in Somalia voraussah.

Al Imfelds Besuche in Afrika verwandelten ihn auch in einen europäischen Griot, einen Geschichtenerzähler. Ende der 1980er-Jahre begann er Erinnerungen aus seiner Kindheit im Napf mit afrikanischen Erlebnissen zu verbinden. Die erste Sammlung seiner fesselnden Stories, «Wenn Fledermäuse aufschrecken, liegt etwas in der Luft, das kein Mensch zu ändern vermag», trug wohl den längsten Titel, der je im Schweizer Buchhandel auf den Markt kam. Er erzählte von der magischen Welt in Afrika und den Alpen, von Knechten und Regenmachern und wie die Arche Noah auf den Napf kam. Bei einem Erzählabend verlor er sich eine Stunde lang in seiner «Kafi-Schnaps»-Geschichte, die vom durchsichtigen Café der Hinterländer berichtet, in dem Kaffeebohnen eine magische Brücke nach Afrika schlagen.

Mystik und Vernunft lagen bei Al Imfeld eng beieinander. Einmal besuchten wir gemeinsam das Zahnwehkreuz auf der Kammhöhe zwischen Wigger- und Luthertal. Wer Zahnschmerzen spürt, beisst manchmal heute noch hier ins Holz, um Heilung zu bekommen. «Zahnweh hat etwas zu tun mit dem Chrose, Chutte und Chrache von Wind und Wetter», erklärte Al. Logisch, wenn man bedenkt, welch innere Gewitter durch einen kranken Zahn fahren können. Alles hängt mit allem zusammen. Dies zu sehen braucht offene Augen wie die von Al Imfeld. Er starb am 14. Februar mit 82 Jahren in Zürich.

Karl Johannes Rechsteiner

Al Imfeld
wurde als erstes von 13 Kindern einer Bauernfamilie geboren. Er wuchs im Weiler Etzenerlen bei Ruswil am Rand des Napfgebiets auf. Nach der Matura am Gymnasium Immensee trat er in die Missionsgesellschaft Bethlehem ein und absolvierte das Priesterseminar. Er empfing die Priesterweihe, studierte weiter katholische Theologie und Philosophie – zuletzt an der Gregoriana, von der er wegen seiner Positionen verwiesen wurde – und doktorierte dann in den USA in evangelischer Theologie. Er arbeitete zu Beginn der sechziger Jahre mit M. L. King in der Bürgerrechtsbewegung und wurde für diese Mitarbeit von der katholischen Kirche, resp. Kardinal Spellmann, New York, als Priester exkommuniziert und suspendiert. Er arbeite als freischaffender Priester weiter und wurde deshalb weitere Male suspendiert. Imfeld galt als einer der besten Afrika-Kenner, als engagierter Aufklärer zwischen Schwarzafrika und Europa. Er gründete Anfang der 1970er Jahre das Informationszentrum Dritte Welt i3w, war Mitherausgeber der Romanreihe Dialog Afrika, Mitbegründer und Autor der Literatur-Nachrichten. Er arbeitete unter anderem als Redaktor der Zeitschrift «Neue Wege». Er lebte zuletzt als freischaffender Journalist in Zürich.
Quellen: wikipedia, www.alimfeld.ch/jm

22. Februar 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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