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Allerheiligen (Fest)

Der Clash von kapitalistischem Kommerz gegen Religion und die zwangsläufige Niederlage der zweiteren werden einem hin und wieder vor Augen geführt. Weihnachten hat immerhin noch einen Rest christlichen Inhalts bewahrt – gilt es noch als Fest der Liebe. Deutlicher wird der Bedeutungsverlust christlicher Inhalte, wenn Allerheiligen ansteht. Oder eben Halloween.

Seit jeher war das Gedenken an Märtyrer* innen und Heilige ein zentraler Inhalt des christlichen Glaubens. Egal, ob man sich Hilfe vom Namenspatron erhoffte oder spirituelle Inspiration aus der Lebensgeschichte einer frommen Klosterfrau bezog – für bestimmte Heilige wurden schon zur Zeit der frühen Christen Gedenktage etabliert. Das wurde, gerade während der Zeit der grossen Kirchenväter und Märtyrer, zunehmend kompliziert: die Liste mit heiligen Personen wurde immer länger, das Jahr aber leider nicht. Also beschloss Papst Bonifatius IV. im Jahr 610, die ganze Heiligenverehrung etwas einfacher zu gestalten. Er liess sich von der römischen Religion inspirieren und weihte kurzerhand das Pantheon in Rom, Inbegriff der Vielgötterei der Römer, der Gottesmutter Maria und allen Märtyrern. Zudem führte er ein Fest zum Gedenken an alle Heiligen und Märtyrer ein: die Urform von Allerheiligen.

Das Fest wurde im Laufe der Jahre verschoben und verbreitete sich in der gesamten Westkirche. So auch in Irland, wo ein anderes Fest auftauchte: Halloween. Lange wurde vermutet, Halloween habe sich aus dem keltischen Fest Samhain entwickelt. In dieser Nacht soll der Seelen der Toten gedacht worden sein. Historiker*innen halten es heute aber für unwahrscheinlich, dass sich keltische Bräuche so lange erhalten haben. Vielmehr sei es denkbar, dass während des 19. Jahrhundert eine keltische «Nostalgie» zur Re- Konstruierung dieses scheinbar heidnischen Festes geführt habe.

Die Kirche hat viele heidnische Traditionen übernommen und umgedeutet – ob das religiöser Diebstahl oder spirituelle Aktualisierung ist, sei dahingestellt. Manchmal aber wurde auch vorchristliche Tradition konstruiert, wo gar nie welche war.

Sebastian Schafer

katholisch kompakt im Überblick

17. Oktober 2018
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 43-44
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