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Alles hat seine Zeit

M. hat seine Armbanduhr verloren, welche ihn jahrelang durch all die Stunden begleitet hat und ihm auch deshalb wertvoll wurde, weil sie sich mit ihrem schlichten Design von all dem BilligProtzigenMöchtegernReichsein abgehoben hat. Nachdem wir alle billigen Boutiquen erfolglos durchkämmt haben, stehen wir nun vor dem Schaufenster eines namhaften Uhrenladens in der Berner Innenstadt und hinterlassen mit unseren plattgedrückten Nasen auf dem Schaufenster Zeichen des Staunens.

M: Die da hinten, die mit dem braunen Armband. Die ist schön! 
P: 4660 Franken!
M: Und diese grad zwei rechts vor der anderen: auch nicht schlecht!
P: 5230 Franken! Aber diese mit dem blauen Zifferblatt! 
M: 9170 Franken!
P: Das wird schwierig.
M: Ich werde nie etwas Ähnliches finden. 
P: «Alles hat seine Zeit.»
M: Wieder so ein Prophet?
P: Kohelet, der Prediger, ist der Name eines Buches im «Alten Testament». Mein Lehrer in Alttestament hat jeweils gesagt, es sei ein Buch für Pubertierende!
M: Ideal für dich. Du hast ja mit 40 Jahren immer wieder pubertierende Schübe.
P: Aber schau mal dort hinten, diese «Neuenburger Pendule» mit den schönen Malereien. 
M: Soll ich mir so was um den Arm hängen?
P: Auä! Eine solche hat mein Vater von meinem Grossvater geschenkt bekommen! 
M: Ein Erbstück?
P: Jawohl. Mein Grossvater war Uhrenmacher in der Stadt Luzern. Eine solche konnte er reparieren und meinem Vater weitergeben. Aber sie ist bei ihm nie gelaufen. Sie stand in der Stube auf einemSockel, als Schmuckstück sozusagen – du magst dich wohl erinnern!
M: Natürlich!
P: Als mein Vater umzog, packte er sie vorsichtig ein, stellte sie in der neuen Wohnung auf und drehte ohne grosse Hoffnung den Aufziehschlüssel!
M: Respekt!
P: Seitdem läuft sie wie ein Maschinchen. 
M: Ein Wunder! 
P: R., welcher genau hier in diesem Uhrenladen die Lehre abgeschlossen hat, meinte dazu, dass sie wahrscheinlich am neuen Ort einfach richtig steht und so die Zahnräder sauber passen.
M: Tönt logisch!
P: Mein Vater ist überzeugt, dass mein verstorbener Grossvater die Finger im Spiel gehabt und sie in Bewegung gesetzt hat.
M: Tönt magisch! 
P: Apropos Magie. Wir haben da in der katholischen Kirche etwas! Weisst du, es gibt Menschen, die glauben, wenn sie dem heiligen Antonius etwas spenden und fest an das denken, was sie verloren haben, komme das, was sie verloren haben, wieder zum Vorschein. 
M: Tönt abgefahren! 
P: Entweder zwei Franken für den Antonius oder 4660 Franken für eine neue Uhr? 
M: O.K., gehen wir in die Kirche!
Wir gehen also in die nächste katholische Kirche in der Stadt Bern, bekreuzigen uns mit echtem Weihwasser, staunen über die farbigen Chorräume und suchen, bis wir hinten, versteckt bei der Säule, den Hl. Antonius und das Kässeli finden. Nachdem wir mit allem Gewicht unserer Wünsche und Stossgebete die Münze Richtung Hl. Antonius geschickt haben, trennen sich unsere Wege. 

Vier Tage später, in aller Herrgottsfrühe, klingelt das Telefon. Schlaftrunken hebe ich den Telefonhörer ab: «Böhler».
M: Hallo, ich bin’s. Der Antonius hat genützt. Ich habe sie beim Putzen hinter dem Sideboard gefunden! 
P: Du hast sie dort abgelegt und sie ist irgendwie hinuntergefallen. Tönt logisch!
M: Nein, ich habe dort auch schon gesucht. Ich kann mir das nicht erklären. 
P: Alles hat seine Zeit! 

Patrick Böhler ist Mitarbeiter der Fachstelle Religionspädagogik. Autorenportraits

7. Juni 2012