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Alles, was gut ist

Alles, was gut ist
alles, was still ist und stark
alles, was wärmt und weitet
was den Leib erfreut
das Herz bezaubert
und die Seele birgt
alles, was die Liebe stärkt und das
Recht stützt
komme über und durch uns
in die Welt

Jacqueline Keune

Der traditionell religiöse Glaube wird vielfach und grundsätzlich überschätzt. Das merken wir daran, wie diffus und vage der Begriff in der Alltagssprache gebraucht wird. Aber auch in Kirche und Gesellschaft, in Theologie und Humanwissen schaften begegnen wir höchst unterschiedlichen, gar widersprüchlichen Vorstellungen.

Wir glauben ständig irgendetwas. Heute, dass wir morgen noch da sind. Morgen, dass das Wetter mitspielt. Und grundsätzlich, dass die Corona-Krise sich beruhigt. Wir glauben, dass die Medizin einen wirkungsmächtigen Impfstoff gegen Covid-19 findet. Wir glauben ebenso, dass wir allen Ver fehlungen zum Trotz rechtschaffene Menschen sind und unser Leben, wenn keinen auffindbaren Sinn, so doch wenigstens für manche und manches eine Funktion hat. Wenn wir glauben, halten wir etwas für möglich oder immerhin wahrscheinlich. Wir nehmen an, dass es so ist, wie wir meinen. Wir halten «es» für wahr, was wir letztlich nicht wissen können. Wir vertrauen darauf und investieren in dieses Vertrauen, selbst wenn es risikobehaftet bleibt. Ohne Annahmen und ohne Vertrauen wäre unser Leben und erst recht das Zusammenleben unvorstellbar. Bis hin in die Welt der Hypothesen und der Kredite.

Der Pfingstbericht der Apostelgeschichte erzählt davon, dass beim jüdischen Fest Schawuot der Geist Gottes über die in Jerusalem versammelten Jünger*innen ausgegossen wurde. Und zwar so elementar, dass es dem Brausen eines Sturms glich und so alle erfasste bzw. erfüllte. Elementar war die Manifestation auch für die zahlreich anwesenden Parther*innen, Meder*innen, Elamiter*innen, Mesopotamier*innen, Kappadokier*innen, Ägypter*innen, Römer*innen, Kreter*innen und Araber*innen. Denn sie verstanden, was da geschah und gesagt wurde, in ihrer eigenen Sprache. Offensichtlich weitete sich dieses Verstehen auch auf die anschliessende Predigt des Apostels Petrus aus. Die versammelte Schar hörte jedenfalls den Umkehrruf und verstand den Zusammenhang mit der prophetischen Weissagung Joels und mit der Auferstehung des Messias Jesus. Viele liessen sich taufen und schlossen sich der jungen, migrationsoffenen, jüdisch-christlichen Bewegung an. Die Segnung von Pfingsten ist nicht zu Unrecht als Geburtstag der Kirche in die Geschichte eingegangen. Sie soll uns auch zweitausend Jahre später daran erinnern, dass nicht wir zu Gott gelangen, weder durch Glaube noch durch Verdienste, sondern dass Gott zu uns kommt, ja, dass Gott über uns und damit «unglaublich» viel Gutes in die Welt kommt.

Thomas Wild, ref. Seelsorger

Kolumnen aus der Inselspitalseelsorge im Überblick

10. Juni 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 13
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