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Alphorntöne

Wie Mut machen, wenn das innere Gleichgewicht eines Patienten bisher vom Spielen eines Alphorns abhängig war? Nadja Zereik stellte sich dieser Herausforderung

Ob ein Alphorn in ein Spitalzimmer passen würde? Längenmässig wohl schon: drei bis vier Meter und etwas Platz, um sich hinters Mundstück zu stellen. Knapp machbar. Aber dann ist ja noch die Sache mit dem Klang: fünf bis zehn Kilometer Reichweite. Überall zu hören: vom Gebären bis zum Notfall, vom OPS bis in die Küche.

Aber darum ging es ja gar nicht. Der Patient meinte bloss, oben auf einer Fluh beim Alphornspielen habe er seinen inneren Kompass immer wieder neu einstellen können. So sei es ihm meistens gelungen, mit Bedacht zu wählen: links oder rechts oder geradeaus. Habe er vorher noch gehadert; beim Spielen auf der Fluh oben sei’s ihm klar geworden. Nur jetzt, hier, mit halb offenem Bauch, wisse er einfach nicht mehr, wo’s lang gehe.

Bei meinem nächsten Besuch war der Kompass wieder eingestellt. Er gehe jetzt dann in die Reha, sagte mir der Patient und wirkte recht zuversichtlich.

Ob er bald wieder spielen wird, oben auf seiner Fluh? Tatsächlich oder sinnbildlich? Sicher spielen seine erwachsenen Kinder weiter. Dass sie auch Alphorn spielen, hatte mir der Patient mit besonderer Freude erzählt.

Nadja Zereik, Seelsorgerin Inselspital

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28. Juni 2018
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