Jeweils am 2. Fastensonntag begeht die katholische Kirche Schweiz den Tag des Judentums. Foto: KNA/Julia Steinbrecht

Als Jüdin unterwegs in der katholischen Welt

Wann ist die jüdische Minderheit ein integraler Bestandteil der Gesellschaft? Wenn sie nicht mehr auffällt? Wenn es selbstverständlich geworden ist, dass sie eine unter vielen Bevölkerungsgruppen mit spezifischen Bedürfnissen ist, nicht mehr und nicht weniger?

Von Hannah Einhaus, Foto: Pia Neuenschwander

Bei Begegnungen mit der christlich-säkularen «Mehrheit» stosse ich immer wieder auf offene Ohren, stelle aber auch viel Unwissen fest. Kirchliche Kreise kennen den theologischen Bezug, doch jüdisches Leben im Alltag oder innerjüdische Debatten bleiben weitgehend verborgen. Für andere sind Judentum und Israel identisch. Als ärgerliches Zeichen der Ignoranz empfinde ich die Berichterstattung in den Medien, wenn Redaktionen zur Illustration jüdischen Lebens betende Juden mit Schläfenlocken im schwarzen Kaftan abbilden. Diese Ultraorthodoxen sind eine kleine Minderheit in der Minderheit. Mit solchen Bildern werden Juden gewollt oder ungewollt zum Sonderfall, sprich: kein integraler Bestandteil der Gesellschaft.

Mehr über die jüdische Welt erfahren

Umso erfreulicher sind meine Erfahrungen als jüdische Reporterin für das Katholische Pfarrblatt Bern. Die Redaktion räumt mir wiederholt Platz für jüdische Themen ein und signalisiert ihr Interesse, mehr über die jüdische Welt mitten unter uns zu erfahren. Dies galt beispielsweise 2016 für eine Serie über die 150-jährige Emanzipationsgeschichte der Juden in der Schweiz mit einem Fokus auf die Rolle der Kirchen. Auch eine Reportage aus dem Haus der Religionen stiess auf grosses Interesse: Dort hatten der Rabbi und der Hindupriester einen koscher-ayurvedischen Speiseplan kreiert. Sehr lehrreich für mich wiederum waren und sind Besuche von Gottesdiensten, die mir als Nicht-Katholikin die globale Dimension der katholischen Kirche vor Augen führen: Gebete auf Philippinisch, Spanisch, Brasilianisch und Tamilisch – alle lokal in Bern. Hier wurde mir klar, dass auch sie Minderheiten innerhalb der katholischen Mehrheit bilden und Parallelen zu den jüdischen Gemeinden aufweisen: Die Kirchen und Synagogen dienen nicht nur Gottesdiensten, sondern sind auch Treffpunkt für sozialen und kulturellen Austausch. Erhellend war für mich kürzlich auch ein Interview mit Provinzial Christian Rutishauser, der mir eine Reihe von Gemeinsamkeiten zwischen Juden und Jesuiten aufzeigen konnte.

Interreligiöse Neugier

In Bern bewege ich mich wiederholt in interreligiösen Kreisen. Die Neugier der Christen aufs Judentum scheint deutlich höher als umgekehrt. Bei den Theolog*innen überwiegt der Blick aufs biblische Judentum. Der christlich-jüdische Dialog, der sich mit gegenseitigen Vorurteilen im Alltag auseinandersetzt und auch eine Prävention vor antisemitisch motivierter Gewalt an Juden bedeuten könnte, findet primär ausserhalb der Kirchen statt. Ich möchte damit den theologisch motivierten Dialog in keiner Weise kleinreden. Mit der Nostra Aetate des 2. Vatikanischen Konzils hat die römisch-katholische Kirche ein Zeichen von unschätzbarem Wert gesetzt. Der vor zehn Jahren eingeführte Dies Judaicus ist ein weiterer Meilenstein im Gespräch unter Gleichwertigen. In einer Zeit des wachsenden Antisemitismus sind zum Schutz der jüdischen Minderheit jedoch auch Allianzen ausserhalb der Kirchenwelt vonnöten – damit die jüdische Minderheit ein integraler Bestandteil der Gesellschaft bleibt.

 

Hinweis: Dieser Beitrag erschien zuerst im «Forum», Pfarrblatt der Katholischen Kirche im Kanton Zürich

28. Februar 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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