pfarrblatt:

News-Artikel

Andrea Gisler

Der Geist des Herrn ruht auf mir; / denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, / damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde / und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe. (Lk 4,18–19)

Im Rahmen meiner Masterarbeit analysierte ich die Bibelstelle Lk 4,18–19. Ein Text, der mich weit über die wissenschaftliche Arbeit hinaus beschäftigt. Jesus liest in der Synagoge aus der Buchrolle des Jesaja vor und will deren Inhalt auf sich selbst bezogen wissen.
Nicht nur der ersttestamentliche Prophet, sondern auch Jesus ist gekommen, um die Lebensrealität der Armen und Benachteiligten zu verbessern. Es ist von befreienden Veränderungen und befreiten Zuständen die Rede. Mir gefällt, dass in dieser Bibelstelle das Wirken im Vordergrund steht. Das angekündigte Handeln Jesu zieht ganz konkrete Veränderungen nach sich, die soziale, politische und theologische Brisanz besitzen.
Als Christin verstehe ich mich als Teil der Nachfolgegemeinschaft Jesu und möchte mein Handeln am Wirken Jesu ausrichten. Gewiss, dies ist ein sehr  hoher Anspruch, dem nie ganz entsprochen werden kann. Ich frage mich jedoch, wer in meinem Umfeld zu den Armen zählt, wie ich mich für die Rechte und Würde der Armen einsetzen und wo ich mich für Befreiung stark machen  kann.
Dabei habe ich nicht bloss das Bild eine materiell armen  Person vor mir, sondern denke auch an all die sozial ausgegrenzten Menschen oder die  theologisch Armen –  jene, welche weder Gott noch sich selbst vertrauen können. Jesu Aufmerksamkeit richtete sich auf diese Menschen und so möchte auch ich immer wieder auf solche Menschen zugehen –  sei es auf den Bettler am Bahnhof, meine Nachbarin oder einen Gast, der in einer Krisensituation für eine Auszeit in den Sunnehügel kommt.

13. Januar 2011